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Damit gutes Leben einfacher wird: Interview mit Angelika Zahrnt & Uwe Schneidewind

Florian
Geschrieben von Florian

Angelika Zahrnt hat bei Siemens und in der Hessischen Staatskanzlei gearbeitet, danach in der Familie, freiberuflich und ehrenamtlich. Sie war lange Jahre stellvertretende Vorsitzende und seit 1998 Vorsitzende des BUND und ist seit 2007 Ehrenvorsitzende. Von 2001 bis 2013 war sie Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung.

 

Uwe Schneidewind ist Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Er ist Mitglied des Club of Rome und war Sachverständiger der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“.

 


„Wir werden sogar mit Sicherheit dahin gelangen, dass zu Recht die Frage gestellt wird, ob es noch immer nützlich und richtig ist, mehr Güter und mehr materiellen Wohlstand zu erzeugen, oder ob es nicht sinnvoller ist, unter Verzichtsleistung auf diesen Fortschritt mehr Freizeit, mehr Besinnung mehr Muße und mehr Erholung zu gewinnen.“ (Buch-Zitat Ludwig Erhard)

Florian: Als Privatperson und damit Endverbraucher lässt sich schnell sagen, dass Unternehmen und Politik nachhaltiger wirtschaften müssen und dass man selber ja keinen Einfluss habe. Andererseits soll alles immer sofort verfügbar und dazu noch möglichst günstig sein. Wie stehen Sie zu dieser Wahrnehmung? Welche Verantwortung trägt der Endverbraucher und welchen Handlungsspielraum hat er wirklich?

Angelika Zahrnt: Der Konsument hat einen großen Handlungsspielraum, welche Nahrungsmittel er einkauft – ob regional, bio und fair – wie und wo er den Urlaub verbringt, ob Badeurlaub in Thailand oder an der Ostsee, ob mit Flugzeug, Auto oder Bahn und Fahrrad. Aber wofür er oder sie sich schließlich entscheidet, hängt eben auch von den Preisen ab. Die Transportpreise spiegeln nicht die wahren ökologischen Preise wider – weder bei PkW, LkW, schon gar nicht beim Flugzeug. Da muss die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzen statt wie jetzt die falschen Signale. Aber trotzdem hat der Einzelne einen Handlungsspielraum. Er kann abwägen und sich für einen verantwortungsvollen Konsum entscheiden – und dafür im Zweifel auch mehr ausgeben – und muss bei der Schnäppchenjagd nicht mitmachen.

 

Florian: Das Leben komplizierter machen ist einfach, aber es zu vereinfachen ist schwer. Aber warum sollte man überhaupt sein Leben vereinfachen wollen, wenn es so schwer ist? Warum ist einfacher mehr bzw. das bessere Leben? 

Uwe Schneidewind:  Stimmt – das Leben komplizierter machen ist einfach – aber mit einem komplizierten Leben zurechtzukommen ist dann eben auch kompliziert: Das ständige Abstimmen, Umplanen, neu Entscheiden, Kaufen, Einsortieren, Aussortieren, – und wohin damit? Das stopft den Alltag und den Terminkalender voll, bringt Stress und kostet Zeit. Simplyfy your Life könnte da schon – obwohl jede Umstellung schwer ist – einen Gewinn an Zeit und Konzentration bedeuten.

 

Florian: Sie zeigen eine 4E-Logik auf: Entrümpeln, Entflechten, Entschleunigen, Entkommerzialisieren. Wie können wir damit als Privatpersonen und wir als Arbeitende in Unternehmen unser Leben bzw. Arbeiten vereinfachen? Können Sie Beispiele nennen?

Angelika Zahrnt: Entrümpeln, sich freimachen von Überflüssigem, nicht Gebrauchtem, ob im Kleiderschrank, Bücherschrank, in der Abstellkammer. Und aufpassen bei neuen Käufen, die schnell gewonnene Räume füllen, nicht etwas kaufen, was absehbar bald neues Gerümpel wird, sondern Produkte, die schön, langlebig und reparabel sind.

Entflechten bedeutet, ein neues Gleichgewicht von globaler und regionaler Wertschöpfung zu finden. Der globale Supermarkt ist vor allem deshalb so billig, weil er auf der Ausbeutung menschlicher Arbeit und von Umwelt und Natur basiert. Regionale Wirtschaftsbeziehungen können Transparenz, soziale Beziehungen, eine engere Verbindung von Finanzierung, Produktion und Abnehmern schaffen. Einen Trend für Regionalisierung gibt es bei Lebensmitteln und der regenerativen Energieproduktion insbesondere bei Energiegenossenschaften. Was die Vereinfachung angeht: Meine Entscheidung (fast) nur im Bioladen und auf dem Markt beim Biostand einzukaufen, vereinfacht für mich das Einkaufen.

Bei der Entkommerzialisierung geht es – entgegen der gegenwärtigen Ausbreitung des Marktes in weitere Lebensbereiche – darum, Lebensformen zu finden, die stärker auf eigenes Können und Kreativität setzen, auf gemeinschaftliche Güter und Infrastrukturen, soziale Initiativen und Einrichtungen. Das bedeutet traditionelle öffentliche Infrastrukturen zu erhalten, wie z.B. Schwimmbäder, Büchereien, Musikschulen und neue Initiativen bürgerschaftlichen Engagements zu unterstützen wie soziale Selbsthilfegruppen oder gemeinsame Gärten (urban gardening). Und individuell ist es oft einfacher, Dinge selbst zu reparieren als neue kaufen zu müssen oder etwas beim Nachbarn ausleihen zu können.

Entschleunigung kann als Suffizienzpolitik im Verkehr ansetzen, im Städtebau, im Arbeitsleben, in der Produktion, im Alltag. Und da kann es heißen: Langlebige Produkte kaufen, slow food genießen, mir ein ÖPNV-Abo besorgen und damit die Entscheidung für Bus oder S-Bahn einfacher zu machen.

 

Florian: Für eine nachhaltigere Welt brauchen wir auch die Politik. In der Klimapolitik geht es gefühlt nicht voran bzw. wir machen Rückschritte: Abstimmung für härtere Abgasnormen von Autos wird geschoben, Unternehmen bekommen zu viele CO2-Zertifikate von der Regierung geschenkt, Deutschland verliert bei den erneuerbaren im europäischen Vergleich zunehmend an Bedeutung und die Energiewende tritt auf der Stelle. Was ist Ihre Einschätzung zu dieser Lage? Wo sehen Sie Chancen?

Uwe Schneidewind: Leider Zustimmung zu dieser Einschätzung. In der Politik haben die wirtschaftlichen Interessen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit und das Wirtschaftswachstum Priorität. Der Klimaschutz ist sekundär, bei Politikern auf nationaler Ebene und auf internationaler Ebene. Aber in der Gesellschaft gibt es Widerstand – gegen die Braunkohle, gegenüber flüssige Stromleitungen, gegen eine Energiepolitik für die Energiekonzerne. Es gibt ein Engagement in der Zivilgesellschaft, in den Kommunen und in einigen Bundesländern. Die Energiewende hat zu viele überzeugt und eine Dynamik erzeugt, die lässt sich nicht so leicht abbremsen oder ausbremsen.

 

Florian: Was verstehen Sie unter einer Suffizienz und was ist der Unterschied zu Effizienz? Wie lässt sich in der Suffizienzpolitik Wohlstand und Lebensqualität – und damit gutes Leben – messen? Welche Rolle spielen Wachstum und Bruttoinlandsprodukt?

Angelika Zahrnt: Suffizienz versucht den ökologischen Fußabdruck durch ein anderes Verhalten zu verringern, also z.B. weniger Auto fahren (und weniger schnell Auto fahren z.B. durch Tempolimits), mehr öffentliche Verkehrsmittel nutzen, mehr Rad fahren und zu Fuß gehen.

Effizienz setzt dagegen am Auto an – spritsparende Autos entwickeln.

Beide Strategien sind sinnvoll und notwendig und müssen einander ergänzen. Denn ein spritsparendes Auto hilft nichts, wenn entsprechend mehr gefahren wird.

Wie man Wohlstand und Lebensqualitäten misst, darüber gibt es eine vielfältige, auch internationale Debatte, die noch zu keinem übereinstimmenden Ergebnis geführt hat. Aber Übereinstimmung besteht darin, dass der materielle Wohlstand, gemessen im Bruttoinlandsprodukt und seiner Zunahme, dann bei einem neuen Index oder Indikatorensystem nicht mehr die dominierende Rolle spielen wird – vor allem in hochentwickelten Industriestaaten mit ihrem hohen Wohlstandsniveau. Allerdings müssen dann in einer Postwachstumsgesellschaft die bisherigen Abhängigkeiten vom Bruttoinlandsprodukt in den gesellschaftlichen Systemen wie Alters- und Gesundheitsversorgung verringert werden.

 

Florian: Es gibt sicherlich auch Kritiker einer Suffizienzpolitik, die sagen, dass eine solches Vorgehen Arbeitsplätze und damit Wohlstand kostet. Vielleicht gibt es sogar welche, die sagen, dass der Klimawandel pausiert und daher der Handlungsdruck gar nicht mehr so hoch ist. Motto: Effizienz reicht aus. Was entgegnen Sie darauf?

Uwe Schneidewind: Es gibt einen plausiblen Trend zur rückläufigen Wachstumszahlen in allen Industriestaaten – auch ohne Suffizienzpolitik. Das Bruttoinlandsprodukt ist hoch, staatliche Infrastrukturen sind ausgebaut, die Märkte sind gesättigt und der demografische Wandel sorgt nicht für Konsumdynamik. Von daher muss Politik sich ohnehin mit der Frage auseinandersetzen, wie bei weiterem technischem Fortschritt ohne ständige Mehrproduktion die Beschäftigungssituation verbessert werden kann, denn auch jetzt haben wir 7% Arbeitslose. Das wird nur durch Arbeitszeitverkürzung gehen, die sozial gestaltet werden muss. Suffizienzpolitik kann dabei unterstützen, mit weniger materiellen Gütern auszukommen, sie teilweise selbst zu produzieren und mit dem Mehr an Zeit, die nicht im Arbeitsleben verbracht wird, sinnvoll und zufriedenstellend umzugehen.

Sollte der ökologische Handlungsdruck tatsächlich nicht mehr so hoch sein, weil wir solche tollen Effizienzverbesserungen haben, ist das erfreulich. Gleichzeitig haben wir durch die Suffizienzpolitik an Lebensqualität gewonnen. Aber so wirksam Effizienz im Energiebereich sein kann: Klimawandel ist nicht das alleinige Problem. Denn Schutz der Artenvielfalt kann man mit Effizienzmaßnahmen nicht erreichen.

 

Florian: Was sind die wesentlichen Ansatzpunkte für ein politisches Programm basierend auf einer Suffizienzpolitik?

Angelika Zahrnt: In den Kommunen gibt es vielfältige Ansatzpunkte für eine Suffizienzpolitik. In der Verkehrspolitik, im Städtebau beim Erhalt öffentlicher Einrichtungen und der Unterstützung neuer Initiativen.

Wesentliche Ansatzpunkte bei den Rahmenbedingungen sind: Eine ökologische Steuerreform, die Energie und Ressourcen verteuert und den Arbeitseinsatz günstiger macht, eine Politik die zu einer ausgeglicheneren Verteilung von Einkommen und Vermögen führt, Maßnahmen, die die Werbung begrenzen. Die Debatte um einen neuen Maßstab für Wohlstand und Lebensqualität muss weiter gehen, gerade nach dem unbefriedigenden Ergebnis der Enquetekommission des Deutschen Bundestages.

Die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Einzelnen zu einem selbstbestimmten und vielfältigen Leben können durch Gesundheitspolitik, Arbeitspolitik, Bildungspolitik und Verbraucherpolitik gefördert werden.

 

Florian: Vielen Dank für das spannende Gespräch und weiterhin viel Erfolg.

Mehr Informationen zum Buch „Damit gutes Leben einfacher wird – Perspektiven einer Suffizienzpolitik“ finden Sie hier beim Oekom Verlag.

 

Artikelbild: morguefile.com

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