Tierschutz

Das blutige Geschäft mit der Wolle

Kilian
Geschrieben von Kilian

Die warmen Tage des Jahres sind vorbei und es beginnt erneut die Zeit, sich für den anbrechenden Winter zu wappnen: T-Shirts, Sommerjacken und kurze Hosen werden gegen Pullover, Schals und Mützen aus Wolle eingetauscht. Galt vor einigen Jahren der von Oma zu Weihnachten verschenkte Strickpulli noch als uncool, so ist Kleidung aus Wolle mittlerweile wieder voll im Trend: Immer mehr Menschen greifen dabei selbst zum Wollknäuel, um sich ihr eigenes Outfit zu stricken oder beim „Urban Knitting“ Bäume und Laternenpfähle zu verschönern. Als natürlicher, nachwachsender und umweltfreundlicher Rohstoff hat Wolle in der heutigen Zeit, in der Klima- und Umweltschutz einen immer größeren Stellenwert im Bewusstsein der Menschen einnehmen, ein besonders gutes „grünes“ Image.

Doch wie gelangt überhaupt die Wolle vom Schaf zu uns in den Kleiderschrank? Da die in Deutschland gewonnene Wolle meist sehr grob ist, wird diese kaum für die Textilproduktion, sondern hauptsächlich als Dämmmaterial verwendet. Die hierzulande verkaufte Wolle stammt deshalb zum größten Teil aus China, Neuseeland und Australien. Besonders beliebt ist die Wolle von Merino-Schafen aus Australien und Neuseeland, die für unsere Kleidung ein wahrhaftes Martyrium erdulden müssen.

 

Für maximalen Ertrag gezüchtet

Die Merinos wurden extra für die Belange der Wollindustrie so gezüchtet, dass sie eine unnatürlich faltige Haut besitzen, um mehr Wolle zu tragen. An heißen Tagen kommt es deshalb häufig vor, dass viele Tiere aufgrund des unnatürlich dicken Fells an einem Hitzschlag sterben. Außerdem schaffen die Hautfalten, in die sich oftmals Kot- und Urinreste einlagern, beste Bedingungen für die sogenannte Fliegenmadenkrankheit: Bei dieser siedeln sich Larven in Körperöffnungen und unter der Haut der Merinos an und fressen diese unter großen Schmerzen von innen auf und verursachen dabei schwere Entzündungen, die oft zum Tod des Tiers führen.

Um dies zu verhindern, wenden viele Schäfer die umstrittene Praktik des „Mulesing“ an, bei welcher den Lämmern – in der Regel ohne irgendeine Betäubung – große Fleischfetzen im Bereich der Schenkel und des Schwanzes herausgeschnitten werden. Auf diese Weise soll ein glattes, vernarbtes Gewebe entstehen, welches die Tiere vor dem Larvenbefall schützen soll. International wird das Mulesing ohne Betäubung von vielen Tierschützern und Verbänden als inhuman und unnötig kritisiert und ist in Deutschland verboten. Alle bisherigen Versuche, die Praktik auch in Australien und Neuseeland gesetzlich und nicht nur auf Basis freiwilliger Selbstverpflichtungen zu unterbinden, scheiterten jedoch bislang am Einfluss der Wollproduzenten, die Alternativen zum Mulesing als unwirtschaftlich ablehnen.

 

Ein Leben voller Qual

Abgesehen vom besonders grausamen Mulesing fristen die friedvollen Schafe auch sonst ein schonungsloses Dasein. Bereits kurz nach der Geburt werden den Tieren Löcher in die Ohren gestanzt, es werden die Schwänze abgeschnitten und die männlichen Schafe kastriert – alles ohne Einsatz von Schmerzmitteln. Anschließend werden die Tiere in so großen Herden gehalten, dass Sie ihr natürliches Sozialverhalten nicht ausüben können. Viele Tiere sterben allein daran, dass sie nicht ausreichend Futter oder Schutz nach der Geburt erhalten, was von den Wollproduzenten in Kauf genommen wird.

Ebenfalls besonders qualvoll ist die Schur der Schafe, die in der Regel jedes Frühjahr durchgeführt wird, wenn die Tiere ihr Winterfell verlieren. Die Arbeiter in den Schuranlagen werden dabei in der Regel nach der Zahl geschorener Schafe oder dem Gewicht der gewonnenen Wolle bezahlt, was der Grund dafür ist, dass Sie nicht besonders vorsichtig mit den Schafen umgehen.

Verdeckt gedrehte Videoaufnahmen* von einer australischen Wollfarm zeigen, dass die völlig verängstigten Tiere brutal in die Anlage gezerrt werden. Die Arbeiter schlagen dabei häufig mit Händen oder Gegenständen auf die Schafe ein, treten sie oder stellen sich auf sie drauf, um die Tiere am Weglaufen zu hindern. Da die Rasur sehr schnell ausgeführt wird, erleiden die Schafe häufig tiefe Schnittwunden, die von den Arbeitern notdürftig mit Nadel und Faden und ohne Schmerzmittel durchgeführt wird. Dementsprechend überleben viele Tiere die Schur nicht. Diese Prozedur müssen die Schafe so oft über sich ergehen lassen, bis sie nicht mehr genug Wolle abwerfen und zum Schlachten abtransportiert werden: Jedes Jahr werden Millionen Schafe auf engsten Raum und unter widrigsten Bedingungen per Schiff in den Nahen Osten oder nach Nordafrika gebracht, wo die Tiere, die die Reise überleben, ohne jegliche Betäubung geschächtet werden.

 

Das Leiden der Schafe beenden

Eins sollten wir uns als Konsumenten stets bewusst machen: Das Tragen von Wolle im Besonderen und allen Textilien tierischen Ursprungs im Allgemeinen bedeutet so gut wie immer Tierqual. Dabei ist es egal, ob die Tiere in Australien oder anderswo gehalten werden. Da es für uns Verbraucher sowieso weitestgehend unmöglich ist, sich über die Herkunftsbedingungen von Textilien verlässlich zu informieren, sollte man generell auf den Kauf von Wolle und anderen tierischen Textilien verzichten. Dies fällt umso leichter, als sich Schafswolle und andere tierische Textlilien leicht durch pflanzliche oder synthetische Alternativen ersetzen lassen.

 

*Achtung: Das Anschauen der Aufnahmen kann sehr verstörend sein.

 

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6 Kommentare

  • Ein pauschales Verdammen ist auch keine Lösung. Es ist wie immer im Leben: bevor man etwas kauft, sollte ich prüfen, woher die Ware kommt. Denn es gibt durchaus Firmen, die z. B. Mulesing völlig ablehnen und einen guten Preis für die Wolle zahlen, so dass auch anders mit den Schafen umgegangen wird.
    In der Folge kostet dann auch etwa ein Mütze 30 Euro.
    Auch die Nutzung von Pflanzenfasern oder Syntetik hat ja seine eigenen Problematiken.

  • Danke für diesen tollen Beitrag! Dieses Thema liegt mir wirklich am Herzen. Die Frage ist aber auch, was schlimmer ist. Leinen oder Baumwolle sind leider im Winter keine Alternative zur Schurwolle, weil diese keine Wärme spenden bzw. nicht richtig dämmen, wie eben die hole Faser der Wolle es tun kann. Der Großteil der Menschheit, fürchte ich, wird daraus eine völlig falsche Schlussfolgerung ziehen und zwar: Schurwolle ist böse = lieber Acryl oder Polyester kaufen. Was natürlich noch schlimmer ist. Ich persönlich versuche auf Ökowolle zurückzugreifen. Traurig ist es auch, dass eine große Kette für eine Zeit lang faire Ökowolle anbot, und nun wurde diese aus dem Programm genommen, weil keine Nachfrage da war. 🙁 Sorry, aber ich denke faire Schurwolle ist immer noch besser als Plastik!

  • Ein wichtiger Beitrag ueber ein Thema welches oft ignoriert wird, teilwise da ein Grossteil der Wolle von weit weg herkommt (nicht fuer mich da ich in Australien lebe, aber auch hier ist vielen nicht bewusst was passiert). Natuerlich muessen nebem den Bedingungen fuer die Tiere auch die Umweltauswirkungen einbezogen werden. Auch Schafweiden sind nicht natuerlich in Australien und Neuseeland und verursachen vorallem erhebliche Verunreinigungen in Gewaessern. Dann muss einer natuerlich dies auch mit anderen Geweben vergleichen (LCA oder so zumindest). Nach meinen Recherchen kommt Hemp am besten davon, was natuerlich nicht heissen muss das Hemp fuer alles geeignet ist, aber fuer sehr viel und nicht nur als Gewebe fuer Kleidung, aber auch als Nahrungsmittel, Heilmittel, Baustoff, etc etc. Waere sinnvol einen Artikel ueber Hemp hier zu publizieren.

  • Vielen Dank für die Kommentare!

    Generell war es mein Anliegen, den Fokus dieses Artikels auf die Situation der Schafe in der Wollindustrie zu legen. Das bedeutet nicht, dass es nicht noch andere Probleme gibt, die mit der Wollproduktion verbunden sind. Insgesamt, so finde ich auch, stellt sich die Frage, ob Alternativ-Textilien wirklich „besser“ sind als z. B. Bio-Wolle oder ähnliches. Ich denke, hier kommt es auf die Perspektive an. Auch in Betrieben ohne Mulesing werden die Tiere grausam behandelt, insbesondere bei der Schur. Dennoch sind sicher auch viele andere Textilien nicht unbedingt unproblematisch oder nachhaltiger. Ich denke, hier muss jede/r für sich entscheiden, welche Textilien er/sie vertretbar findet oder nicht. Es ist auf jeden Fall wichtig, sich Gedanken um die Produktion und auch die Folgen unserer Textilien zu machen. Daher freut es mich umso mehr, dass sich immer mehr Menschen auch für diese Themen interessieren.

    Liebe Grüße
    Kilian