Lebensweise

Nachhaltig Urlaub machen – Wie geht das?

Florian
Geschrieben von Florian

Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub. Der gute Vorsatz: Der nächste Urlaub soll mal so richtig nachhaltig sein. Zum Beispiel ein Bio-Hotel im Grünen mit Blick auf unberührte Natur, irgendwo, weit weg von allem. Das klingt gut und nachhaltig. Aber ist es das wirklich?

Nachhaltiger Tourismus bedient unter Berücksichtigung der ökonomischen, sozialen und ökologischen Aspekte die heutigen Bedürfnisse der Reisenden und Gastländer, während die Zukunftschancen gewahrt werden sowie das Naturerbe und die Biodiversität erhalten bleiben. So die freie Übersetzung der Definition der Welttourismusorganisation UNWTO, die darüber hinaus noch 300 Indikatoren für nachhaltigen Tourismus entwickelt hat.

Doch was bedeutet das konkret für die Planung einer nachhaltigen Reise? Worauf muss man achten? Welche Stellhebel gibt es?

Wir haben Regine Gwinner, Chefredakteurin vom Reise- und Umweltmagazin Anderswo, in einem Interview gefragt.

 

Florian: Laut einer Studie vom Bundesumweltministerium würden gerne 61% der Befragten nachhaltiger verreisen. Doch Hinderungsgründe seien höhere Kosten und mangelndes Angebot. Ausreden oder ist da was dran?

Regine: Eines unserer zentralen Anliegen ist es, nachhaltige Reiseangebote sichtbar und besser auffindbar zu machen, um der Aussage „Ich täts ja machen, aber es gibt nichts – oder nichts Bezahlbares“ etwas entgegenzusetzen. Nachhaltig zu reisen ist nicht ganz so einfach zu buchen, wie der Urlaub aus dem Aldi-Prospekt. Aber es gibt viele tolle Angebote.

 

Florian: Auf was muss man achten, um nachhaltige Reiseangebote beurteilen zu können? Gibt es aussagekräftige Qualitäts-, Umwelt- oder Öko-Siegel?

Regine: Es gibt einige gute und aussagekräftige Siegel für Unterkünfte – das Österreichische Umweltzeichen, die Biohotels…, das CSR-Siegel für Reiseveranstalter und für nachhaltige Regionen, Freizeitparks etc. Aber die Hauptumweltbelastung beim Reisen entsteht bei An- und Abreise. Sobald ein Flug Teil der Reise ist, kann man von nachhaltig nicht mehr sprechen.

 

Florian: Wie sehen die Alternativen aus?

Regine: Wir setzen uns sehr für die Anreise per Bahn, Bus und Fähre ein, die Anreise zu einem wichtigen Teil der Reise zu machen. Nicht möglichst schnell ans Ziel, sondern einen Zwischenstopp in einer schönen Stadt oder einem besonderen Hotel an der Reiseroute einlegen. Was sehen, wenn man quer durch Europa unterwegs ist.

 

Florian: Ist dann obiges Beispiel mit dem Bio-Hotel im Grünen weit ab von allem ein nachhaltiger Urlaub?

Regine: Biohotels, die vor Ort einkaufen und Wert auf Regionalität legen, können ein wichtiger Entwicklungsmotor für die Nachhaltigkeit einer ganzen Region sein. Da gibt es sehr schöne Beispiele von engagierten Unternehmerinnen und Unternehmern. Wenn ich aber nach Kärnten fliege, um dort im Biohotel Urlaub zu machen, ist die Reise ökologisch trotzdem ein Flop.

 

Florian: Welche wesentlichen Stellschrauben gibt es, bei seiner Reise auf die Umwelt zu achten und die negativen Auswirkungen zu reduzieren?

Regine: Neben der An- und Abreise und der Wahl eines nachhaltig aufgestellten Unterkunftsbetriebs spielen die Aktivitäten vor Ort eine Rolle. Die Region mit dem Rad oder zu Fuß erkunden, regional einkaufen, Tier- und Pflanzenschutz respektieren, sich überhaupt respektvoll verhalten als Tourist…

 

Stadtbild Girona: © Anderswo / Regine Gwinner: Gut ans europäische Hochgeschwindigkeits-Zugnetz angebunden: Girona

Florian: Unabhängig davon, welche Reise angetreten wird, es entsteht (mehr) CO2. Welche Anbieter zur CO2-Kompensation kannst Du empfehlen? Auf was sollte man achten?

Regine: Ich bin eher ein Fan von vermeiden statt kompensieren. Mit dem, was ein Deutscher auf Hin- und Rückflug nach Indien an CO2 emittiert, kann ein Inder im Durchschnitt drei Jahre seine kompletten CO2-Emissionen decken. Diesem Impact einer einzelnen Reiseentscheidung sollte man sich schon bewusst sein.

Wenn man sich aber dennoch zum Fliegen entscheidet, sollte die Reise auch so geplant sein, dass man genug Zeit vor Ort hat, um sich in Ruhe umzuschauen. Mal schnell nach Vietnam fliegen, um dann zu sagen: „Da muss ich demnächst wieder herkommen, weil es so toll ist“, ist ökologisch gesehen ganz schlecht.

 

Florian: Und wenn man sich fürs Fliegen entscheidet und den Flug kompensieren möchte?

Regine: atmosfair ist ein seriöser Anbieter für CO2-Kompensation. Sie richten sich bei der Auswahl der Partnerprojekte nach dem wissenschaftlich anerkannten Gold Standard und nutzen seriöse Berechnungsgrundlagen für die CO2-Emission des Flugs.

 

Florian: Die Vereinten Nationen haben 2017 zum „Internationalen Jahr des Nachhaltigen Tourismus für Entwicklung“ ausgerufen. Laut einer umfassenden Studie gibt es keinen signifikanten statistischen Zusammenhang zwischen steigendem Tourismus und sinkender Armutsquote, schlimmer noch: das Einkommensungleichheit verstärkt sich. Die Interessen der Reiseindustrie dominieren. Wie kann man bei seiner Reise die lokale Bevölkerung stärken?

Regine: Nicht bei Aldi oder anderen großen Veranstaltern buchen, da dann ein Großteil des Reisepreises beim Konzern bleibt. Wer sich seine Reise selbst zusammenstellt, kleine Hotels wählt oder bei Reisevermittlern bucht, die mit Partnern direkt vor Ort arbeiten, bringt mehr Geld in die Region. Vor Ort nicht all-inklusive konsumieren, sondern in die lokalen Restaurants und Läden zum Essen und Einkaufen gehen, lokale Guides beschäftigen – den Gegenwert der Reise auf möglichst viele Menschen verteilen.

 

© Anderswo / wirsindanderswo.de

Florian: Hast Du noch abschließend nachhaltige Reisetipps?

Regine: Weniger dem großen, einzigartigen Erlebnis hinterherhetzen und mehr auf die eigenen Bedürfnisse achten. Mit dem Rad von zuhause aus losfahren und mal ausprobieren, wie lange man ans Meer braucht – das kann mehr Abenteuer, Urlaub und Erholung sein als die Wohnmobiltour durch die USA.

 

Florian: Herzlichen Dank für das Interview. Übrigens: Die neue November-Ausgabe vom Magazin Anderswo ist ab jetzt bestellbar.

Mehr als 30 Vertreter von Zivilgesellschaft und Wissenschaft aus aller Welt fordern in einer gemeinsamen Deklaration eine grundlegende Trendwende. Sie fordern eine verbindliche Orientierung des Tourismus an allen Zielen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und an internationalen Menschenrechtsstandards sowie eine stärkere Beteiligung der Menschen vor Ort. Mehr zur zivilgesellschaftlichen Deklaration „Transforming Tourism“ findet sich hier.

 

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Artikelbild: Velebit-Gebirge Kroatien: © Anderswo / Andreas Schlinger: Klimaschonender als Bustour oder Quad-Ausflug – im Urlaub zu Fuß unterwegs

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