CSR Unternehmen

Interview mit Alexander Rossner von Zukunftswerk über Anreize unserer Ökonomie, Wege der Veränderung und die eigene Motivation

Florian
Geschrieben von Florian

Alexander Rossner ist Gründer und Vorstand von zukunftswerk eG, einer kleinen Genossenschaft für nachhaltige Entwicklung mit Sitz in Starnberg. In vorherigen Positionen war Alexander etwa ein Jahrzehnt als Anwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht und als Geschäftsführer einer Venture Capital-Gesellschaft tätig. Alexanders Steckenpferd sind zukunftsfähige Produkte und Dienstleistungen. Er lebt mit seiner Familie im Pfaffenwinkel.

 

 

Florian: Warum bist Du als Jurist im Bereich Nachhaltigkeit/CSR aktiv?

Alexander:

Nachhaltigkeit und CSR haben aus meiner Sicht sehr viel mit Recht zu tun, nicht nur in dem Sinne, dass Nachhaltigkeit eine Ausprägung von der Würde aller Menschen auf diesem Planeten ist, sondern auch in dem Sinne, dass die Durchsetzung einer nachhaltigen Ökonomie sehr viel mit Juristerei zu tun hat, benötigen wir doch eine Global Governance ebenso wie einen Weltvertrag und klare Spielregeln.

Das soll aber nicht darüber hinweg täuschen, dass ich – wie die meisten Akteure nachhaltiger Entwicklung – durch eine persönliche Erfahrung meinen Weg in die Nachhaltigkeit gefunden habe, die Geburt meiner Tochter vor sechs Jahren, die mir meine persönliche Verpflichtung, für eine bessere Welt einzutreten, sehr deutlich gemacht hat.

 

Florian: Woran glaubst Du liegt es, dass das gesellschaftliche Umdenken nur so zögerlich erfolgt? Gefühlt gab es in den letzten Jahrzehnt kaum große Erfolge.

Alexander:

Meines Erachtens neigen wir angesichts der großen und akuten Themen, die unsere Spezies angesichts zahlreicher ökologischer und sozialer Katastrophen bedrohen, zur Ungeduld und wünschen uns, dass sich die Verhältnisse schnell ändern mögen. Wir verkennen dabei einerseits, dass es sich bei nachhaltiger Entwicklung um einen evolutonären Prozess handelt, der nicht von heute auf morgen erledigt ist, sondern seine Zeit benötigt, vielleicht 50 Jahre, vielleicht mehr.

Sodann müssen wir uns vor Augen führen, dass die zahlreichen Symptome nicht nachhaltiger Entwicklung, die uns Angst und Sorgen machen, auf einen ökonomischen Handlungsrahmen zurückzuführen sind, der auf Ausbeutung ausgelegt ist: Unsere Ökonomie belohnt denjenigen, der soziale und ökologische Systeme plündert. Um die großen Themen unserer Zeit zu bewältigen, müssen wir also unsere Ökonomie umgestalten – gegen den Willen derer, die davon nichts wissen wollen. Und die Zahl derer, die davon nichts wissen will, weil sie von dieser Ökonomie profitiert, ist groß. Letzten Endes müssen wir alle uns fragen, ob wir Teil des Problems oder Teil der Lösung sind und zukünftig sein wollen.

All das darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass sich in den letzten 10 Jahren doch Vieles zum Besseren verändert hat. Ich schlage vor, dass wir nicht aufgeben und jeden Tag aufs Neue den Kampf gegen die Windmühlen führen.

 

Florian: Was kannst Du Unternehmen, die nachhaltiger agieren wollen, als ersten Schritt empfehlen?

Alexander:

So seltsam das auch klingen mag, die Spielräume sind sehr gering. In einer auf Ausbeutung ausgelegten Ökonomie ist der Ausbeuter ökonomisch erfolgreich und tun sich diejenigen Unternehmen schwer, die sich der Ausbeutung entziehen wollen.

Jenseits dieses Grundpessimismus würde ich Unternehmen empfehlen, sich auf einen Wandel einzustellen, der in der Folge des demographischen Wandels, in Folge von Verteuerungen von Energie und Rohstoffen und in Folge eines sich wandelnden Bewusstseins der Bürger einstellen wird. Dieser Wandel wird auch unser Verständnis von Wohlstand und Wachstum erfassen und – mit etwas Glück – dazu führen, dass wir Menschen uns wieder mehr fragen, was wir wirklich brauchen und guten Gewissens kaufen möchten.

Insofern wäre mein Rat an Unternehmen, die heute die Grundlage für morgen schaffen wollten, ihr Produkt- oder Dienstleistungsportfolio auf diese Herausforderungen hin zu untersuchen. Ferner würde ich Unternehmen raten, diese Bedrohungen, also demographischen Wandel, Verteuerung der Rohstoffe und der Energie sowie ein sich wandelndes Umwelt- und Sozialbewusstsein, zur Grundlage für technische und ökonomische Innovationen zu machen.

 

Florian: Nachhaltig wären wir, wenn es schaffen, dass die Welt in ihren wesentlichen Eigenschaften erhalten bleibt und sich auf natürliche Weise regenerieren kann. Gibt es Deiner Meinung nach vor diesem Hintergrund zwingende Maßnahmen, die ein Unternehmen machen muss, um sich glaubwürdig als nachhaltig agierendes Unternehmen bezeichnen zu können?

Alexander:

Einleitend gesagt, glaube ich persönlich nicht, dass Ökologie einem Selbstzweck dient. Sie ist die physikalisch-biologische Basis unserer Existenz. Es gibt aber auch noch die andere Seite von Nachhaltigkeit, die kurz gefasst besagt, dass alle Menschen in Würde sollten leben können. Auch von der Erfüllung dieses Anspruch sind wir leider sehr weit entfernt. Ich habe diese Ergänzung vorgenommen, um darzulegen, dass ich Postwachstumsgedanken, die ich unter rein ökologischen Gesichtspunkten für wünschenswert hielte, für nicht zielführend erachte, da auf diesem Planeten 4 Milliarden Menschen leben, die den berechtigten Wunsch nach einem besseren Leben haben. Daraus resultiert zweierlei:

Unternehmen, die – aus welchem Grund auch immer – einen kleinen Beitrag leisten wollen, können versuchen, sich ein wenig weniger umwelt- und sozialschädlich zu verhalten und in diesem Sinne eine Menge Maßnahmen treffen, die man für gewöhnlich unter dem Begriff der CSR- und Nachhaltigkeitspolitik zusammenfasst.

Ein wirklich nachhaltig agierender Unternehmer geht darüber jedoch weit hinaus, indem er innovative Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle entwickelt, die die Probleme dieser Welt nicht verursachen, sondern beseitigen. Nachhaltigkeit in diesem Sinne ist also keine Frage der Schadensbegrenzung, sondern eine Frage der Stiftung positiven Nutzens.

 

Florian: Welche typischen Barrieren innerhalb des Unternehmens gibt es Deiner Erfahrung nach in Bezug auf die Entwicklung und Umsetzung von Nachhaltigkeits-Aktivitäten? Welche Lösungsansätze gibt es dafür?

Alexander:

Nochmals, wir arbeiten in einem ökonomischen System, das Nachhaltigkeit nicht incentiviert. Belohnt wird die Plünderung, nicht die Schonung sozialer und ökologischer Ressourcen. Die Spielräume sind damit für alle Unternehmen gering und mindern sich mit zunehmender Betriebsgröße.

Jenseits dieser Prämisse ist Veränderung typischereise kein leichtes Unterfangen. Menschen haben ein ausgeprägtes Beharrungsvermögen im jeweiligen Status Quo, so verbesserungsbedürftig er auch sein mag. Es gibt einen Satz, dessen Urheber ich leider vergessen habe. Er lautet: Die einzigen Menschen, die sich Wandel wünschen, sind kleine Kinder in nassen Windeln. So lustig das klingt, so langwierig werden durch diese Erkenntnis Veränderungsprozesse aller Art. Nicht umsonst ist der Gebrauch der ehernen Prinzipien der Bürokratie “Das haben wir noch nie so gemacht”, “das haben wir schon immer so gemacht” und “wo kämen wir denn da hin” längst nicht mehr auf die Bürokratie beschränkt, wenn er das überhaupt je war.

Veränderung erfordert Mut und findet daher in einer mutlosen Umgebung kaum je statt. Insofern wäre mein Rat an alle, die sich Wandel wünschen: Fürchten Sie sich nicht und seien Sie mutig!

 

Florian: Die Veränderung befindet sich noch am Anfang. Es gibt noch viel zu tun. Immer wieder gibt es Hiobs-Botschaften. Es gibt deutlich mehr Worte als echte Taten. Wie hältst Du Deine Motivation aufrecht? Was gibt Dir die Kraft weiterzumachen? Nichts tun bzw. verändern wollen wäre ja einfacher.

Alexander:

Zunächst einmal bin ich sehr glücklich, mein berufliches Wirken in den Dienst einer Sache stellen zu dürfen, von deren Richtigkeit und Wichtigkeit ist restlos überzeugt bin: Ich arbeite mit beeindruckenden Menschen an wichtigen Themen und verfolge ein sozial und ökologisch erstrebenswertes Ziel. Das allein ist schon Motivation genug und ein großes Privileg, das ich genießen darf. Recht viel mehr Glück kann man mit seinem Beruf nicht haben.

In Momenten der Enttäuschung und der Frustration – und diese sind zahlreich – frage ich mich stets, warum ich das tue. Dann fällt mir meine kleine Tochter ein, für die ich persönlich verantwortlich bin, die für mich aber stellvertretend für alle kleinen Kinder dieser Welt steht, die ein Recht auf ein würdevolles Leben in einer intakten Umwelt haben. Dann geht es meistens wieder, denn diese Vision ist mir wichtig.

In wirklich schlimmen Momenten fertige ich in Gedanken oder auf dem PC eine Liste mit zehn großen Problemen und Missständen unserer Zeit an und führe mir damit vor Augen, dass ich nicht aufgeben darf, solange es diese Probleme noch gibt.

 

Florian: Vielen Dank für das Interview, weiterhin viel Erfolg und die nötige Kraft !

 

Artikelbild: morguefile.com

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11 Kommentare

  • Lieber Alex, lieber Interviewer,
    vielen Dank für dieses ehrliche Interview.

    Alex, erst neulich saßen wir ja zusammen und Du hattest Dir die Frage aller Fragen gestellt. Die Frage, die jedem engagierten Menschen irgendwann mal durch den Kopf schießt: »Warum tue ich mir das eigentlich an?« Und Gott sei Dank hast Du Dir die Antwort selbst gegeben. Deiner Tochter wegen.

    Und genau das ist es. Der nächsten Generation einen intakten Planeten zu hinterlassen. Zumindest aber daran zu arbeiten. Genau das ist die Definition von Nachhaltigkeit und gleichzeitig die beste Motivation.

    Ein bisschen schwingt in den Fragen dieses Interviews mit, daß es kaum Erfolge gäbe und das Thema Nachhaltigkeit noch sehr frisch sei. Dem möchte ich doch hier gern widersprechen.

    Vielleicht ist die Begrifflichkeit, ich mag den Begriff ja überhaupt nicht, erst in den letzten Jahren präsent, aber eine Bewegung zum respektvolleren Umgang mit Natur und Umwelt, gibt es allein so lange, wie ich denken kann und vermutlich darüber hinaus. Hätte es diese Bewegungen nicht gegeben, hätten wir den Kollaps vielleicht schon erlebt.

    Insofern passt auch der Vergleich vom Alex zur Evolution. Jeder Einzelne, könnte relativ schnell sein Verhalten ändern. Eine ganze (Welt-)Gesellschaft braucht da viel größere Zeiträume. Man muß sich von dem Gedanken verabschieden Resultate noch zu erleben. So irre es einem vorkommen mag.

    Keinesfalls darf oder sollte man aus dem »egoistischen« oder »narzißtischem« Grund, man würde es eh nicht mehr erleben, aufstecken.
    Nach uns kommen noch welche!

    Ich finde dies und Deine Haltung, lieber Alex, werden in diesem Interview sehr deutlich. Und ich bin da sehr optimistisch. Es werden immer mehr.

    Wenn Du da mal einen Hänger hast – kommt vor. Vergeht aber auch wieder. Ansonsten: ruf mich an. 😉

    Wunderbar!

    Gruß vom Elbstrand
    Oliver Schuh | die gebrauchsgrafiker

  • „Belohnt wird die Plünderung, nicht die Schonung sozialer und ökologischer Ressourcen.“ – klingt nach einem System voller Dilemmata, welche sich fundamental nur durch existenzerschütternde Krisen lösen lassen. Um Rahm Emanuel zu zitieren: „Never let a good crisis go to waste.“ Vorraussetzung ist natürlich, dass uns die Demokratische Ordnung im Falle einer wirklich schwerwiegenden Umweltkrise erhalten bleibt, was im Krisenfall absolut nicht garantiert ist.

    Der Schritt in Richtung Europa scheint viele Dinge weiter zu verkomplizieren. Ein Beispiel aus einem relativ unwichtigem Bereich: Deutsche Honigverordnung – diese Regeln begünstigen den Import, die Lagerung und Mischung von Honigen ohne spezifische Herkunft, und ermöglichen es, Profite zu machen mit dem Verkauf von extrem preiswerten Honigen, die unter an Etikettenschwindel grenzender Aufmachung vermarktet werden. Wie ändert man so ein Dokument, gegen den Willen der dominanten Importindustrie, und um die einheimische Honigproduktion / Imkerhandwerk und damit den Einfluss der Imker auf die landwirtschaftliche Gestaltung zu stärken?

    • Lieber Jemi,

      das ist in der Tat wahr. Professor Dr. Dr. Radermacher spricht in etwa sinngemäß von einem Trilemma zwischen Globalisierung, nationalstaatlicher Souveränität und Demokratie, das mutmaßlich zu Lasten der Demokratie aufgelöst werden wird.

      Über Europa kann man sich – namentlich dieser Tage – sicher aus vielerlei Gründen kritisch äußern. Bei aller berechtigten Kritik an der grauenvollen Bürokratie Europas und dem teilweise auch durch sie verursachten Regulierungswahn halte ich persönlich jedoch viel von dem Modell Europa, das vielleicht gewährleistet, dass die (politischen, wirtschaftlichen, kulturellen etc.) Interessen der Mitgliedsstaaten gegenüber denen der USA und Chinas nicht ganz untergehen. Zudem erscheint mir Europa auch insofern interessant, als es, sein Gelingen vorausgesetzt, einen weiteren Schritt in Richtung Überwindung nationalstaatlicher Egoismen hin zu globaler Empathie bedeuten könnte.

      Viele Grüße vom Alpenrand

      Alexander

  • Lieber Oliver,

    zu Deinem Kommentar fallen mir spontan ganz viele Dinge ein. Die wichtigsten aber vielleicht zuerst: Vielen Dank, dass Du das Interview gelesen, kommentiert und drüben bei Twitter empfohlen hast. Lass mich noch schnell zwei Dinge loswerden, die mir wichtig sind und die mich zusehends nachdenklich stimmen:

    Erstens: Die Zufälligkeit der Geburt und globale Empathie

    Wir (mich eingeschlossen) sprechen oft davon, dass wir unseren Kindern eine intakte Umwelt hinterlassen wollen. Wie ich ja in dem Interview für den geschätzten Florian zugegeben habe, ist das auch Teil meiner Motivation. Im Grunde genommen ist das aber eine Art verlängerter Egoismus, um das einmal überspitzt zu formulieren. Diese Motivation ist vielleicht eine Basis, aber sie ist nur der Anfang. Ich hatte vor zwei Wochen die Ehre, Prof. Dr. Dr. Radermacher zu interviewen und habe ihn nach der Rolle der Empathie für die nachhaltige Entwicklung gesprochen. Die Antwort von Professor Dr. Dr. Radermacher hat mich sehr berührt, weil er genau auf diese Motivation anspielte und sinngemäß ausführte, dass uns das Schicksal aller Kinder dieser Welt Motivation und Antrieb sein sollte – und nicht nur das der eigenen.

    Das hat mich deshalb sehr berührt, weil Prof. Dr. Dr. Radermacher mich an einen Moment erinnerte, den ich nie vergessen werde. Als meine Tochter geboren wurde, gesund und wohlbehütet, in einem gut entwickelten Staat und einem ihr gewogenen Umfeld, medizinisch versorgt, sehnsüchtig erwartet und von Geburt an heiß geliebt, konnte ich die erste Nacht nach ihrer Geburt nicht schlafen, weil ich mir vorstellte, dass meine Tochter dieses Privileg nur durch einen Zufall erfahren hat. Sie hätte ebenso gut in den Slums von Kairo geboren werden können oder in einem Umfeld, das ihr keine Liebe und Zuwendung entgegen gebracht hätte.

    Professor Dr. Dr. Radermacher hat einen Ansatz hierzu, der mich fasziniert. Er vertritt die Auffassung, dass Einigungsprozesse zwischen stark divergierenden Interessen am besten dadurch gefunden werden, dass jeder eine Lösung vorschlägt, mit der er selbst leben könnte – und zwar auch dann, wenn er nicht in sein sozio-kulturelles und wirtschaftliches Gefüge eingebettet wäre, sondern auch dann, wenn er dieses verließe und zufälligerweise am anderen Ende des Tisches säße. Dieser Gedanke fasziniert mich sehr. Wir sollten Lösungsvorschläge immer so vorstellen, dass wir mit ihnen unter allen Umständen leben könnten – und nicht nur dann, wenn wir, wie Radermacher so schön sagt, genau wissen, dass wir uns sowieso immer auf der „Premiumseite“ wieder finden. Diese – von ihm eingeforderte – globale Empathie ist womöglich eine wichtige Vorbedingung für eine nachhaltige Welt.

    Als ich gestern bei einem Interview mit Prof. Götz Werner dabei sein durfte, klang da Ähnliches an. Werner zitierte in dem Interview einen uns allen bekannten Satz, den wir uns global zur Maxime machen sollten: „Liebe Deinen nächsten wie Dich selbst.“

    Zweitens: Wir müssen stärker zusammenwirken

    Ich habe mich sehr über Deine aufmunternden Worte gefreut. Sie helfen wirklich. Ich glaube, dass all die, die sich Wandel wünschen und für nachhaltige Entwicklung kämpfen, gut beraten wären, wenn sie enger zusammenwirken würden und sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen könnten.

    Wie Du sagst, Oliver, ist nachhaltige Entwicklung ja nichts wirklich Neues. Es gibt Millionen von Menschen, die sich für sie einsetzen, sei es für die zahllosen ökologischen Aspekte, sei es für die vielen, vielen sozialen Aspekte, sei es für einen ökonomischen Wandel.

    In der täglichen Arbeit sehen wir allerdings nur allzu oft die uns trennenden Ansichten, Schwerpunkte und Ideologien zwischen den Tausenden von Einrichtungen, die in aller Welt für Wandel einstehen. Meine diffuse Hoffnung ist, dass wie mehr zusammenwirken und die uns verbindenden Aspekte künftig mehr in den Vordergrund stellen, also in den anderen Streitern für Nachhaltigkeit mehr den Verbündeten zu sehen als denjenigen, der an einer anderen Front kämpft. Wie schön ist doch die Vorstellung, dass all die Millionen Menschen, die sich für die zahlreichen Aspekte von Nachhaltigkeit einsetzen, alle eine gemeinsame Basis hätten. Welche Kraft wohl von solch einer Bewegung ausgehen könnte, ich wage es mir gar nicht vorzustellen.

    Ich denke seit ein paar Tagen darüber nach, wie wir uns hierzu die oben geschilderten Ansätze zur globalen Empathie nutzbar machen können, aber ich sehe da unbedingt Zusammenhänge.

    Herzliche Grüße an den Elbstrand und in die Welt

    Alexander

  • Lieber Alexander,
    das war wohl die ausführlichste Antwort, die ich je auf einen Kommentar erhalten habe. Und so treffend noch dazu.

    Natürlich darf es nicht nur um die eigenen Kindern gehen. Allerdings fängt es vermutlich leichter bei den eigenen Kindern an. Und natürlich geht auch nichts ohne Egoismus, der quasi überhaupt erst das Überleben sichert. Die »Investition« in die eigene Familie ist so gesehen natürlich auch eine Art Egoismus, weil es das Überleben im Alter sichert.

    Wichtig ist doch, daß der Egoismus im gesunden Einklang mit Altruismus und Empathie steht. Das er auch Platz läßt für eine Bescheidenheit und nicht über die notwendigen Dinge hinaus überbordet.

    Das Bespiel mit Deiner Tochter gefällt mir deshalb so gut – ich habe zwei Kinder – weil man an seinen Kindern sehr schön spiegeln kann, wie man selbst sich gibt, welche Haltung man vertritt. Das passiert von ganz allein und ohne das ich etwa »nachhaltige Regeln« aufstellen müsste oder würde. Und dies wäre dann ja auch ein evolutionärer Prozess. Schon jetzt sind die Kinder, nicht nur durch die Familie, sondern auch durch die Schule viel sensiblisierter, aufgeklärter gegenüber Umwelt, aber auch gegenüber anderen Völkern, denen es nicht so gut geht. Das kommt dann eben auch in Form von Forderungen der Kids an die Eltern zurück. Auf dieser Basis wird sich etwas verändern.

    Zufällig fiel mir die Tage ein Buch in die Hände: Die Lage der Nation – Umwelt-Atlas der Bundesrepublik – Daten, Analysen, Konsequenzen – erschienen bei GEO, 1983

    Ein paar überraschende Erkenntnisse daraus:

    Eingangszitat:
    »Wir haben die Erde nicht von unseren Vätern geerbt – wir haben sie von unseren Kindern geliehen« – Sprichwort der amerikanischen Amish People

    Und dann das Erstaunliche:
    Bei einer Umfrage der EG-Kommission in 1982 ermittelte diese, daß 77% der Bundesbürger sich um nichts mehr sorgen, als um die Umwelt.

    Leider fehlen mir jetzt die Vergleiche, aber mein Eindruck ist, daß sich die Ergebnisse und Analysen, die damals katastrophal waren, radikal zum Guten verbessert haben. Was selbstverständlich nicht bedeutet, die Hände in den Schoß zu legen.

    Dies unterstreicht eben noch einmal, daß wir uns in einem stetigen Prozess befinden. Einerseits scheint dieser Prozess schier unendlich, was sichtbare Ergebnisse für die Beteiligten anbelangt. Andererseits werden die Ergebnisse dann deutlich, wenn man mal einen langen Blick zurückmacht.

    Ich bin 65er Baujahr und in Altona geboren und kann mich sehr gut daran erinnern, daß man als Kind kaum barfuß am Övelgönner Strand laufen konnte, weil man ständig in Teerklumpen getreten ist. Heute kann man sogar wieder in der Elbe baden.

    Damit will ich sagen, daß man öfter auch die Erfolge darstellen sollte, um zu zeigen, daß es sich auch lohnt oder erreichbar ist. Gut habe ich in den Ohren, daß jede Anstrengung vergebens wäre, sich die Elbe nie wieder erholen würde. Die Natur (und die Gesellschaft)hat uns eines Besseren belehrt.

    Nachhaltigkeit muß eben zur Selbstverständlichkeit werden. Das erzwingt man nicht, sondern ergibt sich aus entsprechender positiver Haltung.

    Lieber Alexander, was mir besonders an den Gesprächen mit Dir gefällt ist unsere Offenheit und die Gabe, bei aller Haltung auch andere Blickwinkel einnehmen zu können.

    Das bringt mich in meinem Denken weiter und macht auch noch Spaß!

    Die Sonne lacht am Elbstrand
    Gruß von dort
    Oliver

  • Wow, ich bin total begeistert wie sich das Interview in den Kommentaren entwickelt hat: viel fachliches Wissen, motivierende Worte und spannende Einsichten.
    Vielen Dank !

    Arbeiten mit Nachhaltigkeit ist für mich eine Gradwanderung. Einerseits lebe ich es aus Überzeugung, arbeite damit, schreibe & rede darüber, sehe Verbesserungen und somit Erfolge, die es zu feiern gilt.

    Andererseits lese ich im Sinne einer ganzheitlichen Sicht auch viel darüber und erfahre manche Dinge, die eine positive Sicht erschweren.

    Eine Anekdote dazu:
    Vor einem knappen Jahr war ich mit einem Freund Mittagessen in einem Restaurant wo es auch Sushi gibt. Ich sprach über die Überfischung und was wir machen können, u.a. keine bedrohten Fische mehr zu essen. Seine Antwort: Aber wenn sie eh sterben, dann können wir sie doch jetzt auch essen. Ich war kurzzeitig sprachlos, das von ihm zu hören.

    Daraufhin merkte ich, dass ich nicht gegen das System „kämpfen“ darf, sondern aus Überzeugung einen anderen Weg leben muss und auch will. Denn Veränderung kommt von innen und kann niemanden übergestülpt werden. Dennoch ist auch dieser Weg nicht immer einfach. Daher kam auch die letzte Frage nach der Motivation.

    Nochmals Danke für die Kommentare. Sie sind eine große Bereicherung.

    Viele Grüße aus Wiesbaden

    Florian

  • „Einigungsprozesse zwischen stark divergierenden Interessen am besten dadurch gefunden werden, dass jeder eine Lösung vorschlägt, mit der er selbst leben könnte – und zwar auch dann, wenn er nicht in sein sozio-kulturelles und wirtschaftliches Gefüge eingebettet wäre, sondern auch dann, wenn er dieses verließe und zufälligerweise am anderen Ende des Tisches säße.“ Vielen Dank für diesen Gedanken von Dr.Dr. Radermacher. Genau darum geht’s.
    Danke für Ihren Austausch über die Kommentarfunktion. Anders hätte ich Ihre Gedanken und diese durchaus treffende Auffassung (s.o.) wohl nicht mitbekommen.

    In meinem Alltag merke ich immer wieder, wie wichtig es ist, ich nenne es mal „den Kampf gegen Windmühlen“ nicht aufzugeben. Und dabei eben darauf zu achten, dass mein Kampf so aussieht, dass ich mich verändere. Ich verändere meine Verhaltensweisen, versuche nicht Überzeugungsarbeit mit dem Holzhammer durchzusetzen, sondern schließe meine persönlichen BewusstseinsLücken. Sei es im Bereich EnergieSparen, Rettung der Tierwelt, soziale Ungerechtigkeit oder meiner Ernährung. Das alles mit dem Versuch diese Welt ein kleines bisschen zu verändern bzw. fairändern.