Privatpersonen Soziales

Minimalismus & Kindererziehung: Erfahrungsaustausch mit MamaDenkt

Florian
Geschrieben von Florian

Ich bin rage: TeeTrinkerin // Ehe:Frau // Alltags:Heldin // Unternehmens:Managerin // Schau:Spielerin // Robin:Hood // Quer:Denker // Groß:Träumer // DasKleine:Schätzend // Special:Agent // Theater:Begeistert // Kilometer:Sammler // Pack:Esel // Kostbarkeiten:Suchend // Projekt:Leiter // Welten:Bummler // Mama:Schaf // Buch:Autorin // Neues:Probierend // Schokoladen:Süchtig // Königs:Kind

 

Im Erfahrungsaustausch ist rage von mamadenkt.

Florian: Du beschäftigst Dich viel mit dem Thema Minimalismus. Wie definierst Du Minimalismus? Kannst Du Deine Lebensphilosophie etwas greifbar machen? Was bedeutet darin für Dich Verzicht?

Rage:

Weniger ist mehr. In der Regel aber nicht genug.

Minimalismus bedeutet für mich, den Blick auf das Wesentliche zu richten. Das klappt meist ganz gut, sobald ich all die ablenkenden Gegenstände, aber auch viel Immaterielles reduziere. Eine Lebensphilosophie? Puh. Keine Ahnung, ob ich die so auf den Punkt bringen kann. Meine Beziehung zu Gott ist das, was mir in vielen meiner Entscheidungen und Gedanken Orientierung bietet. Als von ihm geschätztes KönigsKind sehe ich das Leben auf diesem Planeten als großes Geschenk. Ein Geschenk, für das ich Verantwortung übernommen habe und das ich entsprechend schützen möchte.

Verzicht ist ein Wort, dessen Bedeutung ich als „reiche Europäerin“ vermutlich gar nicht wirklich einzuschätzen vermag. Verzicht in Relation zum Minimalismus kenne ich nicht. Der Muskelkater im Arm, durch das Schlagen der Sahne mit dem Schneebesen ist manchmal natürlich mühselig. Aber nach 10 Minuten habe ich auch eine geschlagene Sahne und verzichte an dieser Stelle gerne auf Küchenmaschine oder Handrührgerät.

Im Zuge des Minimalismus sind wir tatsächlich zu „Vegetariern“ geworden. Das hätte von uns beiden vor einem Jahr keiner für möglich gehalten. An dieser Stelle merke ich schon, dass Verzicht doch irgendwie Teil des Ganzen ist. Aber es ist tatsächlich ein Verzicht mit rosa Färbung. Ich verzichte gerne, da ich weiß, es hat Auswirkungen. Verzicht geht plötzlich viel schneller von der Hand und hat nichts mehr mit Selbstkasteiung zu tun. Dennoch möchte ich mich auch scharf von dieser ÖkoTrend-Bewegung abgrenzen, die sich mit Begrifflichkeiten wie Green Deal oder LOHAS oder ethischkorrektem Konsum charakterisiert.

Für mich ist unser reduziertes Leben in der Tat so ein Zwischending: Es geht nicht einfach nur darum möglichst wenig zu haben. Genauso wenig geht es darum weiterhin in einem grünen Deckmantel zu konsumieren.

 

Florian: Hast Du Dich immer schon als Minimalist verstanden oder hast Du Dich dazu entwickelt? Wenn ersteres:  Wie glaubst Du, kann man sich zu einem Minimalist entwickeln? Wenn letzteres: Wie bist Du vorgegangen?

Rage:

Ich hadere ganz oft damit, mich als Minimalistin zu bezeichnen. Ich finde, dazu habe ich noch viel zu viel Zeug hier rumstehen. Zudem ist es nicht meine HauptMotivation nur noch 100 Gegenstände und fünf beste Freunde zu besitzen. Ja, auf meinem Blog geht es auch um Minimalismus. Aber es ist eine auf mich angepasste Form des reduzierten Lebens. Und diese hat sich entwickelt.

Als ich das erste Mal schwanger war, habe ich in meinem NestbauTrieb alles gesammelt, was mir meine Mitmenschen an „Krempel“ angeboten haben. Denn: Wir hatten ja nichts. Irgendwann gab es einen SchlüsselMoment als ich das Gesicht einer Bekannten sah, die in eines unserer drei Archive eintrat. Seitdem haben wir Schritt für Schritt, ganz in unserem Tempo reduziert. Es begann mit BabyKram, ging über Bücher, DVD’s , KüchenInventar, BastelKram, MöbelStücke, Kleidung, KörperPflegeProdukte und SpielZeug. Ich merke, wann es wieder Zeit wird, sich einen Bereich vorzuknöpfen. Ging es zunächst ums Reduzieren, wurde daraus bald auch ein Wiederverwerten, anders nutzen und ging mehr und mehr in die Nachhaltigkeit. Unser reduziertes Leben hat inzwischen viel mehr mit bewusst:er leben zu tun als mit dem bloßen Loswerden von Gegenständen. Es geht um Nachhaltigkeit, Solidarität, durchdachten Konsum, Verantwortung, Ausstieg aus der Schnelllebigkeit und LebensQualität. Was brauche ich wirklich? Was will ich für mein Leben? Und was will ich damit bewirken, sind meine Kernfragen, die mir immer wieder neu durch den Kopf gehen. Und das nicht erst seit gestern oder meiner ersten Schwangerschaft.

 

Florian: Wie viel von Deiner Minimalismus-Lebensphilosophie steckt glaubst Du in der Lebensweise der heutigen Jugend?

Rage:

Diese Frage zu beantworten fällt mir schwer. Seit kurzem zähle ich wohl nicht mehr zu der Jugend. Außerdem merke ich, dass sich meine Lebensperspektive sehr verändert hat, seitdem ich weiß, ich beeinflusse durch meine Konsum- und Lebensgestaltung diese Welt. Ich bin mir nicht sicher, ob das der Jugend, geschweige denn dem Großteil der Bevölkerung überhaupt bewusst ist. Mein Einkauf, mein Kleidungsstil, meine Körperpflege, meine Interessen, meine Freizeitgestaltung, meine Ernährungsweise beeinflusst und hat Auswirkungen. Denn ich bin nicht allein.Ich wünschte manchmal, dass genau das, viel mehr Menschen bewusst werden würde. Egal, ob alt oder jung. Ich hab es mir immer gewünscht, aber resigniert, weil ich mich mit dem Streben anch idealistischen Umständen nicht selten allein gefühlt habe. Durchs Internet und speziell die „MinimalistenSzene“ habe ich festgestellt, dass es so viel mehr Menschen gibt, die genau dasselbe denken und ihre Konsequenzen fürs Handeln daraus ziehen.

 

Florian: Was charakterisiert Deiner Meinung nach die heutige Jugend

Rage:

Im Hinblick auf die Jugend fallen mir immer wieder drei Dinge auf:

1. Sie werden mit der Digitalisierung und dem von uns gestalteten Leben in einer KonsumGesellschaft groß. Für sie ist der Gebrauch von Tablets und Smartphone zum Lesen von Büchern vermutlich irgendwann das normalste der Welt. Trotz manchen Fortschritts, um das Leben leichter und komfortabler zu machen, wird es auch immer unübersichtlicher. Alles ist auf Wachstum und das MEHR ausgelegt. Ich weiß nicht, ob die Jugend da überhaupt die Chance hat auszusteigen, wenn es irgendwann niemanden mehr gibt, der ihnen auch Alternativen vorlebt.

2. Jugendliche werden heute mit diversen Katastrophen, aber auch Chancen groß. Katastrophen wie Fukushima, die Bankenkrise oder auch der NSA-Skandal, Gammelfleisch und EHEC gehören dazu und prägen, so gruselig das sein mag, ihr Bewusstsein, das neu geschärft wird. Genau an dieser Stelle hängt so viel von den Eltern ab. Wie gehen sie mit solchen gesellschaftlichen Katastrophen um? Gehen sie überhaupt damit um? Haben HorrorSzenarien wie Fukushima irgendeine Konsequenz auf ihr Handeln und Entscheiden? Bekommen Jugendliche und Kinder das überhaupt mit? Gibt es Gespräche über solche Geschehnisse? Wieviel ist überhaupt für ihre Ohren bestimmt; zum Beispiel beim gemeinsamen Essen? Sofern es das noch gibt. Sollten wir uns wirklich zurückhalten mit scheinbar ErwachsenenThemen, wenn sie durch die Medien doch sowieso von diesen Szenarien mitbekommen? Und gleichzeitig von der Werbebranche berieselt werden, um bloß zu konsumieren? Vermitteln Eltern, dass Fukushima doch klar war und irgendwann mal passieren musste, während sie weiterhin nicht den ÖkoStromAnbieter wechseln und das XXL-Schnitzel aus der SupermarktTiefkühltruhe auf dem Teller liegt? Oder haben Jugendliche daran teil, wenn es darum geht, das Leben anzupassen, während Eltern ihnen nahe bringen, wie sehr ihre Konsumentscheidungen Auswirkungen haben können?

 

Florian: Du bist selber Mutter. Wie vermittelst Du (oder man) Deinem (oder einem) Kind, in einem Umfeld, welches medial durch Konsum und Überfluss geprägt ist, die Themen Minimalismus, Umwelt und Nachhaltigkeit

Rage:

Ich muss zugeben, dass ich mir darüber noch nicht so intensiv Gedanken machen musste. Momentan läuft noch viel so ab, wie wir es als Eltern vorgeben. Wir schränken uns in unserem Konsum ein. Das erleben unsere Kinder. Meine Kerle stellen meine Kaufentscheidungen noch nicht in Frage. Stattdessen erleben sie aber, dass wir keine Plastiktüten, sondern unsere Stoffbeutel nutzen. Sie bemerken, dass sie nicht so viel Spielzeug haben, wie andere Kinder. Wissen, dass wir einen Kompost haben und wo der Papiermüll hingehört. Sie kennen bestimmte Fernsehserien, aber nicht das Fernsehen im eigentlichen Sinne, das durch permanente Werbeunterbrechungen gekennzeichnet ist, in denen Süße und  Spielzeug unerfüllte Sehnsüchte auslösen sollen. Im Augenblick, scheint ihnen das Nicht-Besitzen nicht so viel auszumachen. Sie kennen es ja auch nicht anders. Lernen ihr Leben anders zu leben und zu genießen.

Manchmal gibt es SüßigkeitenDiskussionen im Geschäft. Aber auch da haben wir – noch – die Oberhand. Ich weiß nicht, inwiefern sich solche Dinge noch ändern werden. Ich weiß nur: Sie ändern sich bestimmt.

Grundsätzlich habe ich jedoch für mich entschieden, die positiven Aspekte von Minimalismus, Natur und Nachhaltigkeit zu unterstreichen.

Ja, meine Kinder haben nicht so viel Spielzeug wie die anderen. Trotzdem spielen sie gerne und finden auch immer etwas zum Spielen und Spielpartner. Außerdem nehme ich mir möglichst viel Zeit mich mit ihnen zu beschäftigen. Draußen, beim Basteln am Tisch, beim gemeinsamen Rollenspiel mit ihren besonderen SpielzeugSchätzen… Dann gibt’s Turngruppen und Spielkameraden, die besucht oder Bäche, in die zig Steine geworfen werden. Ich kann nicht behaupten, dass ihnen bislang langweilig geworden ist.

Wir gehen viel raus und halten Ausschau nach den kleinen und großen Dingen. Den Regenwürmern, die sich kurz nach dem Regen wieder ins Gras verziehen, Schnecken, Pilze, Katzen… Jetzt gerade beobachten wir einen Schwarm Zugvögel nach dem anderen, wie er über unsere Köpfe hinweg in Richtung Süden zieht.

Klar, wenn ich meinen Fuß dann doch mal in ein Spielzeuggeschäft setzen muss und die Kerle sind dabei, habe ich ganz normale Jungs, die vieles sehr toll finden und am liebsten gleich im Laden spielen wollen. Trotzdem verlassen wir nicht jedes Mal mit einem weiteren Spielzeugteil das Geschäft. Es wird dann diskutiert und besprochen. Die Kerle natürlich miteinbezogen. „Was ist mit deinen beiden Ritterfiguren, die du gerade erst zurück ins Regal gestellt hast, weil du nicht mehr mit ihnen spielen wolltest. Sind da wirklich noch drei weitere notwendig?“ Mal werde ich überzeugt, mal überzeuge ich sie oder wir suchen einen Kompromiss. Du möchtest den Ball unbedingt haben? Dann spar doch dein Taschengeld (50Cent die Woche). Und wenn du das Geld zusammen hast, dann kannst du dir überlegen, ob du diesen Ball wirklich haben möchtest und ihn dir kaufen. Dinge bekommen dadurch einen ganz neuen Wert, wenn ich dafür sparen oder arbeiten muss. Und sie erlebe, dass sie nach acht Wochen eigentlich doch gar keinen zweiten Ball gebraucht haben und ihn jetzt nicht mehr haben wollen. Perspektiven verändern sich durch das Experimentieren im Leben.

 

Florian: Wie vermittelt man einem Kind den Wert unserer Umwelt und den verantwortungsvollen Umgang mit unserer Umwelt und unseren Naturgütern? 

Rage:

Indem man vorlebt und erklärt. Anders geht es nicht. Einer der Kerle hat mit Vorliebe auf Nacktschnecken getreten. Ich kann nicht sagen, dass ich diese Tiere mag oder besonders ansehnlich finde. Sie gehören auch nicht in meine Kräuter oder Zucchini. Dennoch wird kein Lebewesen bewusst zermatscht. Das sind Regeln, Umgangsformen, wie das Benehmen am Tisch oder sich Abmelden, wenn man im Kindergarten oder in der Schule mal zur Toilette muss. Ich glaube wirklich, dass uns häufig lediglich das Bewusstsein fehlt, unseren Kindern diesen verantwortungsvollen Umgang mit unserer Umwelt und untereinander auch bewusst zu vermitteln. Gegebenenfalls sogar einzufordern.

 

Florian: Gerade bei Kindern spielt die Akzeptanz in der Schulklasse, bei Spielkameraden und in der Gesellschaft eine durchaus bedeutende Rolle. Wie lässt man bei der Erziehung hin zu mehr Nachhaltigkeit dem Kind dennoch den Freiraum zur Entwicklung einer eigenen Meinung und schafft es, dass das Kind nicht in eine im Sinne der Akzeptanz negative Ecke „ist anders als andere“ gedrängt wird?

Rage:

Solltest irgendjemand darauf präventive Handlungsstrategien haben, bin ich dankbar. Momentan kann ich auf diese Frage nur intuitiv antworten. Mein Bauchgefühl und meine Sensibilität sind da aktuell gefragt, weil es auch eine meiner größten Sorgen war und immer mal wieder ist.

Als uns das erste Kind besuchen kam, war ich die Aufgeregteste. Schließlich wusste ich, dass meine Kerle nicht mit diversen KunststoffFahrzeugen mithalten konnten. Sie nicht unbedingt. Der Junge, der zu Besuch war, hat es auch sofort bemerkt. Nach nur einer Minute fiel der Satz „Ich hab viel mehr Autos als du.“ Meine Kerle schauten auf. „Aha.“ Und das war’s . Von beiden Seiten.

Es wurde einfach losgespielt. Seitdem gibt es gute Freundschaften und immer wieder Besuche. Ich befürchte, dass wir selber dem Besitz viel zu viel Bedeutung zukommen lassen. Denn mal ehrlich, wäre diese Äußerung nicht so oder so gekommen? Weil Kinder in dem Alter eben auch übertrumpfen wollen? Meine bisherigen Befürchtungen, allein die Tatsache, dass es hier nicht so vollgestopft ist, könnte zu sehr auffallen und sie in eine Außenseiterrolle drängen, haben sich bislang nicht bestätigt.

Natürlich. Wochen später kam dann noch die Frage, „Können wir Fernseh gucken?“ – „Wir haben keinen Fernseher.“ – „Womit guckt ihr dann?“ – Stille. Ich habe dann überlegt, dürfen sie jetzt eine DVD am Laptop gucken, oder nicht? In der Situation habe ich mich dafür entschieden. Zum einen waren alle vom gemeinsamen Spiel tagsüber müde. Zum anderen war das dem „AußenseiterDasein“-Entgegenwirken ein mir berechtigt erscheinendes Argument, fürs Fernsehen.

Mit dieser Frage werde ich mich mit Sicherheit noch häufiger konfrontiert sehen. Schließlich möchte ich durch meinen reduzierten Lebensstil keines meiner Kinder in eine negative Ecke abdrängen.

Zudem halte ich persönlich nichts von aufoktroyiertem Idealismus. In der Regel verfehlt er bei den Mitmenschen das Ziel, setzt mich selber unter Druck und manövriert mich unter Umständen in eine Position oder Schublade in der ich mich nicht wohlfühle und aus der ich so schnell nicht mehr herauskomme. Wir können unseren Kindern und Jugendlichen versuchen ein verantwortungsvolles Leben vorzuleben und sie miteinbeziehen. Sie sind kleine Persönlichkeiten und dementsprechend nicht zu überfordern, aber durchaus ernstzunehmen.

Ich befürchte, dass wir das viel zu häufig aus den Augen verlieren. Vielleicht weil wir selber viel zu überflutet sind, von dem, wie wir unser Leben eigentlich doch leben und konsumieren sollen?!?

 

Florian: Das war ein toller Austausch. Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Artikelbild: morguefile.com

Print Friendly