Natur

Mehr als nur ein Nutella Zusatz – Palmöl

Matthias
Geschrieben von Matthias

Was haben Eyeliner, Duschgel und Nutella gemeinsam?

Richtig! Man kann sich all diese Produkte ins Gesicht schmieren.

Darauf wollte ich jedoch nicht hinaus, wohl aber auf einen durchaus schmierigen Stoff, der in all diesen Produkten zu finden sein kann. Alle drei Produkte enthalten im Regelfall Palmöl.

Gerade jetzt in der Advents- und Vorweihnachtszeit, wird sich der ein oder andere vielleicht Gedanken machen, in welchem Maße Palmöl in welchen Süßigkeiten enthalten ist. Dabei steckt Palmöl in weitaus mehr Produkten und hinter Palmöl steckt weitaus mehr, als ein reiner Zusatzstoff in unserer Schokolade.

Was Palmöl überhaupt ist und weshalb dessen Nutzung kritisch hinterfragt werden sollte, dazu habe ich mit Frau Gesche Jürgens von Greenpeace gesprochen.

Sie ist studierte Politikwissenschaftlerin und arbeitet seit Juni 2011 bei Greenpeace als Kampaignerin für Wälder. Dort ist sie für die Themenarbeit zu indonesischen Regenwäldern und Palmöl, rumänischen Buchenurwäldern und deutscher Waldpolitik zuständig.

 

James Morgan / WWF

James Morgan / WWF

Gesche, zunächst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast uns dieses Thema etwas näher zu bringen. Vielleicht könntest du uns erst einmal kurz erklären, was Palmöl überhaupt ist?

Palmöl ist ein Pflanzenöl, das aus der Ölpalme gewonnen wird. Sie ist die mit Abstand ertragsreichste Ölpflanze. Sie wächst nur in tropischen Regionen, also rund um den Äquator und aus den Früchten dieser Palme wird das Palmöl gewonnen. Es gibt einmal das Palmöl, das aus dem Fruchtfleisch gewonnen wird und dann noch das Palmkernöl, was aus dem Kern dieser Frucht gewonnen wird.

 

WWF Studie „Auf der Ölspur – Berechnungen zu einer palmölfreieren Welt“ ISBN 978-3-946211-05-1

WWF Studie „Auf der Ölspur – Berechnungen zu einer palmölfreieren Welt“ ISBN 978-3-946211-05-1

Ich denke viele kennen das Palmöl vor allem in Schokolade. Aber es ist, wenn ich mich nicht täusche, auch in verschiedenen Kosmetika enthalten. Kann man grob sagen, wo man überall Palmöl enthalten ist?

Dazu kann man sich eigentlich zwei ganz spannende Zahlen merken. Und zwar steckt Palmöl in etwa der Hälfte der Produkte, die man bei uns im Supermarkt finden kann. Es steckt also nicht nur in Schokolade oder Schokocreme, wo natürlich größere Mengen enthalten sind, sondern auch in Fertigprodukten, Tiefkühlpizzen, Tütensuppen, Kartoffelchips, Keksen uvm. Viel eben – sozusagen – in Produkten, die entweder fettig, fertig oder süß sind. Dann aber eben auch – du hast es angesprochen – in Kosmetik, aber auch in Duschgel, Bodylotion oder auch Zahnpasta.

Und dann gibt es da noch eine ganz interessante Zahl für Deutschland. Der größte Einzelanteil, wo Palmöl in Deutschland drin steckt, ist derzeit tatsächlich der Biodiesel. Jeder der also Diesel tankt, tankt häufig auch Palmöl.

Neben dem Palmöl, was in überwiegendem Teil im Tank verschwindet, dann noch dem Teil in Lebensmitteln und den Kosmetika, Reinigungsmitteln etc., gibt es auch noch Palmöl in Futtermitteln. Auch das ist kein unwesentlicher Teil.

 

Ich habe jetzt hier eine sogenannte Nussnougatcreme in der Hand und da steht drauf „faires Bio Palmöl“. Sowas habe ich auf einem Shampoo aber noch nie gesehen. Gibt es für den Verbraucher eine Chance zu sehen, wo das Palmöl enthalten und ob dieses fair oder BIO ist?

Ich denke in diesem Aspekt sind zwei Punkte ganz wichtig.

Zum einen gibt es BIO-Palmöl. Dieses wird nach strengen ökologischen Kriterien hergestellt. Die Ölpalme ist an sich ja keine schlechte Pflanze. Es ist ja nicht ihre Schuld, dass beispielsweise Regenwald zerstört wird, sondern die Art und Weise des Anbaus. Deswegen ist es unbedingt erforderlich, dass Firmen bessere Anbaupraktiken strikt einfordern und für Palmöl einen fairen Preis zahlen.

Das zweite, was du sagtest, man kann nicht erkennen, wo welches Palmöl drin steckt. Das stimmt bei Kosmetika und den meisten Produkten des Non-Food Bereichs. Da ist es tatsächlich sehr schwer zu erkennen, ob und wenn ja, welches Palmöl enthalten ist. Hier ist die Deklaration nicht sehr kundenfreundlich.

Aber im Lebensmittelbereich kann man mittlerweile zumindest nachvollziehen, welches Öl in meinem Produkt enthalten ist. Dazu gab es Ende 2014 eine EU-Verordnung, die seither eine entsprechende  Deklaration vorschreibt. Sie schreibt allerdings nicht vor, wie oftmals angenommen, das speziell Palmöl ausgewiesen werden muss, sondern vielmehr, das generell ausgewiesen werden muss, welches Öl enthalten ist.

 

WWF Studie „Auf der Ölspur – Berechnungen zu einer palmölfreieren Welt“ ISBN 978-3-946211-05-1

WWF Studie „Auf der Ölspur – Berechnungen zu einer palmölfreieren Welt“ ISBN 978-3-946211-05-1

Jetzt stellt sich ja die Frage, ob es keine Alternativen zu Palmöl gibt? Angenommen wir würden den Konsum in gleichem Maße fortsetzen wollen. Könnten wir die Pflanze nicht einfach ersetzen?

Sehr wichtiges Stichwort!

Würde man den Verbrauch einfach 1:1 substituieren mit anderen Ölen, dann würde dies das Problem lediglich verlagern. Im Zweifelsfall in andere Regionen, so dass einfach andere Ökosysteme betroffen wären. Oder man würde die Ölpalme mit anderen Pflanzen in ähnlichen Regionen ersetzen, dann wäre nachher nur eine andere Pflanze der Buhmann.

 

WWF Studie „Auf der Ölspur – Berechnungen zu einer palmölfreieren Welt“ ISBN 978-3-946211-05-1

WWF Studie „Auf der Ölspur – Berechnungen zu einer palmölfreieren Welt“ ISBN 978-3-946211-05-1

Wenn der Ersatz der Pflanze keine Option ist, müssten wir also den Verbrauch reduzieren?

Genau. Dazu sehe ich vor allem drei zentrale Ansätze:

  1. Raus aus dem Tank! Im Tank braucht es wirklich niemand.
    Es gibt inzwischen eine ganze Vielzahl an Studien die zeigen, dass die sogenannten Bio- oder Agrarkraftstoffe, die aus landbasierten Pflanzen gewonnen werden, überhaupt keine Treibhausgas Einsparungen bringen. Schlimmer noch, oftmals bewirken sie sogar das Gegenteil.
    Um Emissionen im Verkehr zu sparen kamen Agrarkraftstoffe sehr gelegen.  Allen voran der deutschen Autoindustrie, die traditionell wenig Interesse zeigt, sparsamere, emissionsärmere Autos zu bauen.
    Das hat auf dem Papier auch super funktioniert. Mittlerweile ist aber klar, dass das weder fürs Klima noch für sonst jemanden was gebracht hat, außer für die Auto- und Biokraftstoff Industrie.
  1. Was zudem jeder Einzelne tun kann, ist weniger Produkte konsumieren, in denen Palmöl enthalten ist. Bedeutet, weniger Fettiges, weniger Fertigprodukte, weniger Süßes. Wenn man dazu noch auf andere Aspekte achtet, kann man einen wichtigen Beitrag für den Umwelt- und Klimaschutz leisten. Das heißt vor allem …
    • … mehr frische, unverarbeitete Produkte
    • …wenig oder gar kein Fleisch
    • … mehr selber Kochen
    • … mehr Sachen aus der Region
    • … mehr saisonal Essen
  1. Der dritte Aspekt – und dieser wird oft vergessen – wäre die Lebensmittelverschwendung einzudämmen. Das ist wirklich der mit Abstand schwachsinnigste und unnötigste Verbrauch, nicht nur an Palmöl.

 

Wenn du gerade sagst, der Verbraucher könnte ja über den Konsum etwas bewirken, fällt mir ein mehr oder weniger gutes Beispiel ein. Im vergangenen Jahr hatte die französische Umweltministerin dazu aufgerufen Ferrero Produkte zu boykottieren. Da stellt sich mir die Frage, ob dies für die betroffenen Regionen hinsichtlich Arbeitsplätzen etc. nicht die falsche Lösung ist und ob ein verantwortungsvoller Konsum nicht besser ist als gar keiner?

Das ist richtig, verantwortungsvoller Konsum wäre an dieser Stelle der bessere Weg.

In der Tat hängen an der Palmöl Produktionskette viele Arbeitsplätze. Dabei muss man allerdings im Detail betrachten, wie diese Produktionsketten und die Arbeitsplätze aktuell aussehen. Es gibt zum Beispiel  Kleinbauern, die ihr Land ökologisch verträglich bewirtschaften und beispielsweise auf Pestizide verzichten. Diese Arbeitsweise und die damit verbundenen Arbeitsplätze müssen unterstützt werden. Es muss klar sein, dass wir eine Palmölwirtschaft brauchen, von der die Leute vor Ort profitieren und die Umwelt geschont wird. Das ist aktuell leider vielfach nicht der Fall.

Oftmals wird mit giftigen Pestiziden unter menschenunwürdigen Bedingungen gearbeitet. Auch Kinderarbeit haben wir erst vor kurzem wieder dokumentiert. Zudem werden immer wieder Menschen in den Anbaugebieten von ihrem Land vertrieben. All diese Menschen haben im Endeffekt nichts davon, dass dort Palmöl angebaut wird. Denn die sind in erster Linie nicht auf das Palmöl angewiesen, sondern auf das Stück Land, dass sie bewirtschaften wollen, oder den Wald mit dem sie leben und auf den sie angewiesen sind.

Es gibt also ganz unterschiedliche Situationen und deswegen ist es auch so wichtig die Menschen vor Ort mit einzubinden und sie zu fragen was sie denn haben wollen, was sie brauchen und nicht einfach davon auszugehen, dass Palmöl jetzt für sie die einzige und richtige Lösung ist.

 

Liebe Gesche, herzlichen Dank für sehr aufschlussreiche und nette Gespräch.

Weitere Artikel von Gesche findet ihr in ihrem Blog. Den aktuellen Bericht „Auf der Ölspur“ des WWF könnt ihr als PDF herunterladen.

Die Kampagne „ZeroPalmöl“ der Stiftung SAVE Wildlife haben eine App und Datenbank erstellt, die fast 7.000 palmölfreie Produkte enthält und über das Engagement der einzelnen Hersteller informiert oder „ZERO – Produkte ohne Palmöl“ im Play-/App Store suchen. Zur Datenbank und zur App für Android und für iPhone.

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