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Genverändertes Soja im Alltag angekommen

Genverändert Soja nachhaltigkeit Ernährung
Nicola
Geschrieben von Nicola

Der Anlass für diesen Beitrag ist ein Blogbeitrag im Niemblog („Der Soja-Irrtum: Über die Herkunft von Soja“), in dem genetisch verändertes (gv-)Soja für vegane Produkte (etwa Tofu) thematisiert wird. Anhand von Herstellerinformationen legt der Beitrag dar, inwiefern davon auszugehen ist, dass gv-Soja für Tofu-Produkte eingesetzt wird. Bei der Lektüre des Artikels ist mir aufgefallen, dass vor allem anhand von Herstellerinformationen argumentiert wird. Ich möchte den Herstellern nicht unterstellen, dass sie die Unwahrheit gesagt haben, allerdings komme ich nicht umhin, etwas tiefer in die Dornenhecke der Informationsprobleme rund um genetisch veränderten Organismen (GVO) zu blicken und euch an diesem Blick teilhaben zu lassen. Es geht grundsätzlich um die für uns verfügbaren Informationen zur Nutzung und zum Einsatz von gv-Soja für unsere Nahrungsmittel und dabei stellt sich die Frage: „Können wir gv-Soja überhaupt vermeiden?“. Auch stellt sich die Frage, ob es genügt, ein Verbot des GVO-Anbaus in Deutschland und Europa zu fordern.

Deutschland braucht Soja, ob mit oder ohne „gv“

In Deutschland und im übrigen Europa wird tonnenweise Soja als Futtermittel für unser Nutzvieh eingesetzt und auch direkt von den Verbrauchern konsumiert, allerdings kaum angepflanzt. Da in unseren Breitengraden keine idealen Bedingungen für die landwirtschaftliche Nutzung existieren, beträgt der Anteil des europäischen Sojas nur 4% der Gesamtmenge, die in Europa verbraucht wird. Von 35 Mio. Tonnen, die in die EU importiert werden, entfallen 4,5 Mio. Tonnen auf Deutschland. Auch wenn also der Anbau vermehrt getestet wird und zum Teil auch erfolgreich ist, sind wir noch immer auf importiertes Soja, vor allem für die Eiweißversorgung unsere Nutztiere, angewiesen. Soja wird aber bei weitem nicht nur als Futtermittel eingesetzt. Es landet auch auf unseren Tellern, denn es spielt in 20.000 – 30.000 Verbraucherprodukten eine wichtige Rolle, entweder als direkter Bestandteil oder als Zusatzstoff oder Vitaminlieferant. Außerdem findet es Anwendung bei Nährlösungen für Mikroorganismen, die selbst wieder Zusatzstoffe z.B. für unsere Nahrung oder Industrie produzieren.

Bei dieser Menge an benötigtem Soja ist es also gar nicht verwunderlich, dass es importiert werden muss und dabei kommt in großem Maßstab gv-Soja ins Spiel, denn die Exportländer legen sich keinen Gentechnik-Bann auf und produzieren somit immer mehr gv-Soja. Weltweit beträgt der gv-Anteil etwa 80% des gesamten Soja-Anbaus. Deutschland importiert aus Ländern, die der Gentechnik nicht sonderlich kritisch gegenüberstehen: den USA, Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay und Kanada. Es findet in 90% des Mischfutters für unsere Nutztiere Anwendung (Stand 2006) und muss als solches auch gekennzeichnet werden.

Wer nun aber denkt, dass unsere Lebensmittel kein gv-Soja enthalten, wird enttäuscht sein, denn in jedem vierten Soja-relevanten Lebensmittel lassen sich gv-Bestandteile finden (Stand 2009). Warum wir als Verbraucher davon nicht allzu viel mitbekommen, liegt an einer Kennzeichnungsausnahme. Grundsätzlich müssen gv-Bestandteile in der Inhaltsliste gekennzeichnet werden. Wenn aber die Menge der gv-Bestandteile 0,9 % des Produktes nicht übersteigen, muss eben nicht gekennzeichnet werden, sofern dies zufällig oder technisch unvermeidbar ist. Die gute Nachricht ist, dass sich in Deutschland so gut wie alle gv-Soja-nutzenden Unternehmen an die Kennzeichnungsregeln halten. Die schlechten Nachrichten sind, dass die Mengenschwelle auch für das Bio- und sogar das Gentechnikfrei-Label greift. D.h., dass in Bio- und Gentechnikfrei-Produkten ebenfalls bis zur Mengenschwelle von 0,9% gv-Soja vorhanden sein kann. Bei den Nutztieren muss zudem eine gewisse Zeit zwischen der Fütterung mit gv-Soja und der Schlachtung vergehen, damit man diese Labels noch nutzen darf.

Durch die Kennzeichnungsregeln fällt leider keinem Normalbürger auf, wie sehr gv-Soja schon in unserem täglichen Leben angekommen ist. Aber was ist das konkrete Problem bei gv-Soja und warum gibt es überhaupt diese Mengenschwelle?

Essen kann man’s, aber man hätte es nicht anbauen sollen

Gentechnik kann man essen und das tut dem Körper auch nichts. Das ist schon mal eine Erkenntnis, die wir aus der Forschung ziehen können. Üblicherweise wird das veränderte Gen nicht von unserem Körper aufgenommen. Ansonsten würden wir in Deutschland wohl alle mit Schweinsnasen herumlaufen, da uns das Mettbrötchen das Schweinegen verpasst hätte.

Der Einsatz von gv-Soja zeitigt aber Gesundheits-, Umwelt- und Sozial-Probleme und zwar nicht in den Ländern, in denen es lediglich konsumiert wird, sondern in den Ländern, in denen es angebaut wird. Gv-Soja wird vor allem deswegen genutzt, da es resistent gegen Glyphosat („Roundup“) ist und Bauern anstatt mehreren Pestiziden somit nur ein Pestizid benötigen, was zu einer erheblichen Effizienzsteigerung beim Anbau führt. Allerdings steht Glyphosat im Verdacht, krebserregend zu sein. In den anbauenden Schwellenländern wie Brasilien wird zumeist auf die nötige Schutzausrüstung, wie Atemschutzmasken, verzichtet. Felder, die von Agrarflugzeugen besprüht werden, befinden sich direkt neben den Siedlungen. Als Ergebnis ist eine erhöhte Krankheits- und Sterblichkeitsrate zu verzeichnen. Aber hier endet das Problem nicht.

Durch den vermehrten Einsatz von Pestiziden werden Unkräuter resistent. Das gv-Soja-Glyphosat-Effizienz-Tandem kommt zum Stehen und die Bauern müssen nicht nur mit den finanziellen, sondern auch mit weiteren Auswirkungen leben, die daher rühren, dass einige der Unkräuter nun resistenter sind als vorher. Dabei spielt eine große Rolle, dass das Saatgut teuer eingekauft werden muss, denn darauf halten Monsanto (bzw. bald Bayer) und Co. Patente. Ein weiteres Problem liegt in der Praxis der Eindämmung von Saatgut. Nicht umsonst gibt es die Mengenschwelle von 0,9%! Es kann nur schwer gewährleistet werden, dass das Gen sich nicht in natürliche Sojafelder einkreuzt oder auch Soja-ähnliche Gewächse „ansteckt“ oder einfach zwischen konventionellen Saatgut auftaucht. In Brasilien werden beide Saatgute beim Verkauf für den Weltmarkt einfach vermengt. Aber einmal unkontrolliert ausgebracht, kann sich das Gen frei ausbreiten. Die Erfahrungen bei Mais in Mexiko haben gezeigt, dass Saatgut durchaus auch mal auf den Zubringerstraßen landet und dort zu unabsichtlichen Bepflanzungen führt. Insofern ist die von den Unternehmen zur Geltung gebrachte Beherrschung des genveränderten Materials mit Vorsicht zu genießen. Wenn denn nun etwas danebengeht, lassen sich die Veränderungen nur noch unter großen Mühen zurücknehmen, wenn überhaupt. Spinnen wir dieses Szenario weiter, ist nicht ausgeschlossen, dass resistente Saaten oder Pflanzen, die das Gen in sich tragen, über Umwege auch nach Europa kommen. Der globale Markt macht es möglich. Meiner Meinung nach ließe sich das gv-Soja also ohne Probleme essen, man sollte es aber gar nicht erst anbauen.

Zurück auf Los

Was sollen wir also tun, wenn wir, obwohl wir gentechnikfrei leben wollen, nicht um die Gentechnik herumkommen? Wir können zunächst einmal unseren Fleischkonsum drastisch reduzieren. Darüber hinaus können wir auf Inhaltsstoffe achten, denn wenn Soja-Bestandteile in einem Produkt enthalten sind, wie z.B. Soja-Lecithin, dann stammt es höchstwahrscheinlich aus dem gv-Soja-Anbau. Das Bio- und auch das Gentechnikfrei-Label sind bei der Entscheidung nicht wirklich hilfreich, ob ein Produkt unbedenklich konsumiert werden kann. Wenn aber schon Soja auf dem Speiseplan bleiben soll, dann sollte es aus einer europäischen Gentechnikfrei-Region stammen. Bei Soja aus Italien, ist z.B. ausschlaggebend aus welcher Region es stammt, denn nicht ganz Italien hat sich gentechnikfrei erklärt.

Da aber dieser Aufwand von den meisten Bürgern Deutschlands höchst wahrscheinlich nicht eingegangen wird, macht es Sinn eine politische Lösung zu forcieren. Es sollte nicht nur der Anbau in Europa verboten sein, sondern auch der Import von gv-Soja. Allerdings wäre es dann nötig, zunächst Alternativen zu finden, die weniger umweltschädlich sind und hierzu sind auch Diskussionen über die Verantwortung über die Auswirkungen nötig, die der europäische Markt auf andere Länder hat.

Artikelfoto: jcesar2015

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