Lebensweise

Die Moral des Fliegens – Ein Denkanstoß

Plane_Unsplash_Gabriel Garcia Marengo
Geschrieben von Gast

Geschrieben von André Rathfelder, 24-jähriger Student der Mensch-Umwelt-Beziehungen aus Kiel:

 

Die Moral des Fliegens – das mag auf den ersten Blick verwundern. Wir leben in einer Zeit, in der das Fliegen für die meisten von uns zum Alltag gehört. Fernbeziehung, Freunde besuchen, Urlaub machen – alles mit dem Flugzeug. Viele Gedanken und Assoziationen kommen uns zum Fliegen, wenige haben dabei mit der Moral zu tun. In diesem Beitrag möchte ich genau dies wagen: das Fliegen aus einer moralischen Perspektive betrachten. Dabei möchte ich der Frage nachgehen, ob wir auf individueller Ebene eine moralische Verpflichtung haben, nicht zu fliegen.

 

Weltklima und Gerechtigkeit

Zunächst ein paar Sätze zu der Frage, warum der Klimawandel in erster Linie ein Gerechtigkeitsproblem ist. Der Klimawandel ist ein von den Industrienationen verursachtes Problem. Circa 80% der gesamten anthropogenen Treibhausgasemissionen gehen auf ihr Konto. Von den verbleibenden 20% der Entwicklungsländer ist wiederum China für die Hälfte verantwortlich. Im Gegensatz dazu werden es in erster Linie die Entwicklungsländer sein, die unter den negativen Folgen des Klimawandels zu leiden haben. Extremwetterereignisse, Dürreperioden, Verlust an fruchtbarem Boden, all dies wird zuerst die Entwicklungsländer treffen (die darüber hinaus noch weitaus geringere Mittel haben, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen). Die im Climate Change Vulnerability Index 2015 als „extrem gefährdet“ gelisteten Länder sind ausnahmslos Entwicklungsländer. In der Sahelzone hat sich die Anzahl der wetterbedingten Katastrophen in den letzten 25 Jahren verdoppelt. Bangladesch wird bis 2050 10% seiner Landfläche an den Ozean verlieren, das ins Grundwasser einströmende Salzwasser lässt jährlich kilometerbreite Landstriche versalzen. Dabei trägt Bangladesch mit Pro-Kopf-Emissionen von 0,16 t pro Jahr gar nicht zum Klimawandel bei (jede/r Deutsche emittiert 67-mal mehr). Es herrscht also eine krasse Asymmetrie zwischen Verursachenden und Leidtragenden. Wir sprechend deshalb von Victimization: Entwicklungsländer werden zum Opfer einer Problematik gemacht, zu der sie selbst kaum beigetragen haben. Gerechtigkeitsaspekte mit Blick auf zukünftige Generationen haben wir dabei noch gar nicht berücksichtigt.

 

Das 2°-Ziel – Willkommen in der Wirklichkeit

Ein weiterer Aspekt zentral für unsere moralische Betrachtung des Fliegens: das sogenannte 2-°C-Ziel. Es wurde auf der UN-Klimakonferenz 2010 in Mexiko erstmals als Ziel auf globaler Ebene festgelegt und besagt, dass die globale Erwärmung im Mittel einen Anstieg von 2°C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau nicht übersteigen soll. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Folgen einer Erwärmung über 2°C nicht mehr zu kontrollieren sind und ein für die Menschen gefährliches Ausmaß annehmen. Vielen Entwicklungsländern ist diese Zielsetzung zu niedrig, sie plädieren für eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5°C, da die Folgen für sie sonst katastrophal wären. Was müssen wir tun, um das 2°C-Ziel nicht zu verfehlen?

Wir müssten die Treibhausgas-Konzentrationen in der Atmosphäre bei rund 450 parts per million (ppm) CO2-Äquivalenten stabilisieren. Lagen die Werte vor der Industrialisierung noch bei 280 ppm, sind sie bis heute auf 430 ppm angestiegen. Wir hätten also noch einen Puffer von 20 ppm, was einem globalen Treibhausgasausstoß von 900 Mrd t CO2-Äquivalenten entspricht. Verteilt man dieses verbleibende Budget gleich auf alle Erdenbewohner, hätte jeder von uns bis 2050 ein jährliches CO2-Budget von circa 2t zur Verfügung. Ein Hin- und Rückflug von Deutschland nach Neuseeland verursacht pro Passagier 14t CO2-Emissionen, überschreitet das jährlich zur Verfügung stehende Budget also schon um das 7-fache. Die durchschnittlichen Treibhausgasemissionen liegen in Deutschland bei über 11t pro Kopf und Jahr. Bei einer gleichen Pro-Kopf Verteilung des verbleibenden CO2-Budgets müsste Deutschland seine Emissionen bis 2050 um 80% senken!

Der Klimawandel – Ein Gemeinschaftsproblem

Kommen wir nun zum Fliegen. Ich spreche hier vom Fliegen in der Freizeit, da wir uns in diesem Artikel auf der Ebene des Individuums bewegen wollen. In den meisten Diskussionen zum CO2 Austoß wird eine Verpflichtung zur Verhaltensänderung auf individueller Ebene abgelehnt. Das gängigste Argument dagegen ist, dass individuelles Handeln mit Blick auf den Klimawandel keinen direkten Schaden für andere zur Folge hat. Tatsächlich wäre dies für einen einzelnen Freizeitflug schwer zu begründen. Meine durch einen Flug nach Neuseeland ausgestoßenen 14 Tonnen CO2 alleine hätten keine negativen Klimaveränderungen zur Folge und würden auch keinem anderen Menschen einen merklichen Schaden zufügen. Erst die Summe unserer Flugaktivitäten trägt in einem Ausmaß zum Klimawandel bei, das zum Nachteil anderer Menschen geht. Es ist also in der Tat ein gemeinschaftliches, kein individuelles Problem. Aus dieser Perspektive scheint also keine individuelle moralische Verpflichtung zur Verhaltensänderung zu bestehen.

An dieser Stelle hört die gängige Argumentation auf und hier möchte ich ansetzen. Meiner Meinung nach ist die Erkenntnis, dass die individuelle Handlung keinen direkten Schaden anrichtet, kein hinreichender Grund, eine moralische Verantwortung abzulehnen. Die Begründung ist einfach: Die aufgezeigte Argumentation widerspricht grundlegend unserer alltäglichen Auffassung des Moralischen!

 

Die individuelle Verantwortung

Stellen wir uns folgende Szene vor: Ein Mann wird von einer Gruppe Jugendlicher verprügelt. Einer der Jugendlichen steht währenddessen Wache um seine Freunde zu warnen, falls Gefahr droht, erwischt zu werden. Er selbst prügelt nicht auf den Mann ein, trägt also nicht direkt zu dessen Leiden bei. Würden wir ihn vom Vorwurf des Unmoralischen frei sprechen, weil sein individuelles Handeln keinen direkten Schaden für den Mann zur Folge hatte? Ein weiteres Beispiel: Würden wir das Handeln eines einfachen NSDAP Parteimitglieds als moralisch unbedenklich befinden, weil seine antisemitische Grundhaltung alleine nicht zum Massenmord an unzähligen jüdischen Mitmenschen geführt hätte? Nein, wir richten unser moralisches Urteil über eine Handlung an der bloßen und wissentlichen Teilnahme an einer Handlung, die für andere schädlich ist, aus. Wir richten uns nicht nach dem konkreten Beitrag, sondern nach dem bloßen Mitmachen. Wir würden gar so weit gehen, den Wachposten als unmoralisch zu bezeichnen, weil er nichts gegen die Geschehnisse unternommen hat, z.B. durch einen Anruf bei der Polizei. Das Parteimitglied der NSDAP würden wir deshalb als unmoralisch bezeichnen, weil es mit seinen Ansichten und Wertvorstellungen den mörderischen Faschismus unterstützt hat. Im Alltag orientieren wir uns also nicht am konkreten Beitrag zu einer schädlichen Folge einer Handlung, vielmehr bewerten wir bereits das Partizipieren an einer solchen Handlung als unmoralisch.

Ein weiteres wichtiges Kriterium, das wir im Alltag zur Bewertung einer Handlung heranziehen, ist, ob jemand eine für andere schädliche Handlung wissentlich ausführt. Schauen wir uns ein naheliegendes Beispiel an. Bereits im 19. Jahrhundert haben Fabriken große Mengen an Treibhausgasen ausgestoßen, die langfristig zum Klimawandel beitrugen. Wir würden den Fabrikbetreibern deshalb aber keinen Vorwurf machen, da sie über die Folgen des Treibhausgas-Ausstoßes nicht Bescheid wissen konnten. Selbst durch eine umfangreiche Recherche hätten sie die Folgen ihres Handelns nicht absehen können, da die Forschung noch nichts über den Klimawandel wusste. Wir würden ihr Handeln nicht als unmoralisch bezeichnen, weil sie sich über die Konsequenzen nicht bewusst sein konnten. Nehmen wir nun an, eine dieser Fabriken sei eine Textilfabrik, in der Kleidungsstücke unter anderem gefärbt werden. Die dabei verwendeten Färbstoffe sondern giftige Dämpfe ab. Obwohl der Fabrikbetreiber dies weiß, entscheidet er sich dagegen, Schutzkleidung für seine Arbeiter zu kaufen, woraufhin mehrere seiner Arbeiter erkranken. In diesem Fall würde unsere Bewertung anders ausfallen. Der Betreiber weiß über die negativen Folgen Bescheid, ändert sein Handeln aber trotzdem nicht. Er ist sich der Konsequenzen bewusst und macht trotzdem weiter. Wir würden sein Vorgehen deshalb als unmoralisch bezeichnen.

Fassen wir zusammen: Im Alltag handelt für uns jemand moralisch nicht korrekt, wenn er bei einer für andere schädlichen Handlung mitmacht und sich über die negativen Folgen dieser Handlung bewusst ist.

Übertragen wir diese Haltung nun auf den Freizeitflug, fällt das Urteil anders aus als bei der bloßen Betrachtung des konkreten Schadens. Nein, der einzelne Flug hat keinen direkten Schaden für andere Menschen zur Folge. Aber wer zum Vergnügen durch die Welt fliegt, macht eben mit, er unterstützt dieses System und partizipiert an einer Handlung, die – aggregiert – massive Nachteile für andere Menschen zur Folge hat. Wenn wir den Bewertungsmaßstab aus unseren Beispielen des Parteimitglieds oder der Wache haltenden Person anlegen, müssen wir sogar sagen: es ist unmoralisch, nichts gegen dieses Verhalten zu tun. Dann müssten wir es als geboten ansehen, sich gegen die Praxis des Freizeitfliegens zu wehren, dagegen aufzubegehren, seine Stimme zu erheben.

 

Pfadabhängigkeiten

Zurecht kann man anmerken, dass das Gesagte auf alle Handlungen übertragbar ist, die mit dem Ausstoß von Treibhausgasen verbunden sind. Mit der obigen Begründung wäre doch jede Autofahrt und jedes nicht regenerativ beheizte Zimmer unmoralisch. Streng genommen ist das wohl richtig und wir sind dringend angehalten, uns so schnell wie möglich einen emissionsneutralen Lebensstil anzueignen. Trotzdem können wir an dieser Stelle differenzieren.

Wie bereits erwähnt, würden im Einklang mit dem 2°C-Ziel jedem und jeder Deutschen Emissionen von rund 2t CO2-Äquivalente pro Jahr zur Verfügung stehen. Legt man die in Deutschland rein durch die öffentliche Infrastruktur verursachten Emissionen auf die Bevölkerung um, landet man bereits bei über 1t pro Kopf. Schon dadurch also, dass wir in dieser Gesellschaft leben, ist unser jährliches CO2-Budget zur Hälfte ausgeschöpft. Gegen diese Emissionen können wir auf individueller Ebene gar nichts tun. Dies ist ein klassisches Beispiel für eine sogenannte Pfadabhängigkeit. Unsere öffentliche Infrastruktur stammt zum Großteil aus einer Zeit, in der der Klimawandel keine oder eine untergeordnete Rolle gespielt hat. So ist der Großteil der öffentlichen Gebäude schlecht gedämmt und mit emissionsintensiven Heizsystemen ausgestattet. Von diesem in der Vergangenheit eingeschlagenen Pfad sind wir heute abhängig. Das gilt genauso für unsere Verkehrsinfrastruktur.

Das Hauptverkehrsmittel der Vergangenheit war das Automobil. Entsprechend sind die Verkehrswege für Autos die am besten ausgebaute Verkehrsinfrastruktur. Das können wir nicht einfach ungeschehen machen. Auch hier hängen wir vom in der Vergangenheit eingeschlagenen Pfad ab. Es gibt also Bereiche, die können wir auf individueller Eben gar nicht ändern. Hier bedarf es politischem Engagement, um systemische Veränderungen herbeizuführen (was nicht weniger wichtig ist als die Anpassung des persönlichen Lebensstils!).

 

Wir haben die Wahl

Der Freizeitflug stellt das genaue Gegenteil dar, deshalb ist er ein hervorragendes Beispiel für die individuelle Verantwortung: Keine Pfadabhängigkeit, die uns veranlasst, diesen Sommer auf die Malediven zu fliegen, keine schwerfälligen politischen Prozesse für systemischen Wandel erforderlich. Es bedarf nur einem einfachen Nein, einem einfachen Nein, ich mache nicht mehr mit!.

Es sind es genau die Bereiche, in denen keine Pfadabhängigkeiten bestehen, in denen die moralische Verpflichtung als erstes greift, in denen alles nur von unserer persönlichen Entscheidung abhängt. Das umfasst unsere Mobilität wie auch unser Konsumverhalten. Alleine durch individuelle Entscheidungen können wir in diesen Bereichen aufhören mitzumachen!

Für die Philosophen der Antike war die Idee des Guten Lebens untrennbar mit einem tugendhaften Verhalten gegenüber anderen verbunden. Ein Gutes Leben auf Kosten anderer war für sie ein Widerspruch in sich. Würden wir uns wieder mehr an dieser Auffassung des Guten orientieren, wäre das Fliegen in der Freizeit oder ein verantwortungsloses Konsumverhalten mit dem Guten Leben unvereinbar. In den Bereichen, in denen keine oder nur persönliche Pfadabhängigkeiten bestehen, sind keine schlüssigen Argumente zu finden, die gegen eine Absage an das Mitmachen und einen Aufbruch in das Gute Leben sprechen.

 

 Der Artikel ist zuerst erschienen im Transform-Blog.

Artikelbild: Unsplash, Gabriel Garcia Marengo

Print Friendly

Kommentar